Proteste allein sind keine Politik. Als vor zehn Tagen Charles de Gaulle ein europäisches Hoffnungsgebäude zertrümmerte, lief ein zorniger Aufschrei über den Kontinent, über den Ärmelkanal nach England, über den Atlantik nach Amerika. Aber die spontanen, nur allzu berechtigten Regungen des Unmuts und der Erbitterung sind inzwischen allenthalben wieder verebbt. Das "Nein" zur de Gaulleschen Konzeption, zu seiner Politik des kleineuropäischen Größenwahns ist hinlänglich formuliert, die Ablehnung unmißverständlich vor der Geschichte zu Protokoll gegeben. Jetzt hat etwas Neues begonnen, die Phase der Bestandsaufnahme, wo ohne alle Emotionen gefragt wird: Nach dem Debakel – was nun?

Bestandsaufnahme also. Im Angesicht der Scherben, die der de Gaullesche Gewaltstreich zurückließ, lassen sich zwei Erkenntnisse formulieren. Erstens war sich Europa (ein Europa ohne Frankreich freilich) gerade in der Stunde, da es Gefahr lief, zerrissen zu werden, noch nie so einig wie zuvor. Die Bedrohung hat kleine Zwistigkeiten vergessen lassen. Neue Kräfte zur Einheit wurden freigesetzt oder, wo sie schon lange vorhanden waren, mit einem Schlage sichtbar. Im Fiasko entstand eine Gemeinsamkeit, die ein verläßliches Fundament für die Zukunft abgibt. Mit seiner Herausforderung hat de Gaulle dies eine immerhin bewirkt: deutlich zu machen, daß jenes größere Europa, welches nicht das seine ist, schon die Konturen der Wirklichkeit angenommen hat.

Die zweite Erkenntnis aber, die die erste dialektisch ergänzt, erscheint nicht minder wichtig: Auch de Gaulle ist eine Realität. Man mag ihm zürnen, man mag seine Taten und Ziele verdammen, es hilft alles nichts – Europa muß, mindestens noch eine Weile, mit de Gaulle und seiner Politik leben. Und es ist der Gedanke töricht, man könne diesen Mann, der in seinem Lande regiert wie weiland ein absoluter Monarch, auf jenen politischen Weg zwingen, der den fünf EWG-Partnern plus England plus Amerika als der richtige erscheint.

Was tun? Für die nächste Zukunft kommt alles darauf an, Frankreich, das sich selber isoliert hat, nicht durch unbedachte Aktionen noch weiter in eine Extremposition zu treiben. Man könnte es damit doch nicht zur europäischen Räson bringen – im Gegenteil bestünde die Gefahr, daß ein "eingekreistes", politisch unter Druck gesetztes Frankreich noch mehr Schaden stiften würde. Und des europäischen Schadens ist genug geschehen.

Vor uns liegen Monate, in denen es darum gehen wird, nach neuen Ansätzen geduldig Ausschau zu halten (ein solcher Ansatz mag etwa in dem Vorschlag liegen, den auf diesen Seiten Alwin Münchmeyer, der bisherige Präsident des Industrie- und Handelstages, unterbreitet). Ein Beispiel für jene Geduld und Nüchternheit, die wir brauchen, haben uns die Hauptbetroffenen, die Engländer, in diesen Tagen geliefert. Sie, die den Trotz unterdrückten, die sogleich erklärten, sie würden Europa nicht den Rücken kehren, haben in kluger Einsicht darauf verzichtet, eine europäische Verschwörung gegen Frankreich anzuzetteln. Der Besuch Macmillans in Rom, die Freundschaftsbekundungen aus den Benelux-Ländern, die Loyalitätsbeweise aus den EFTA-Staaten – all das hätte schließlich genug verführerischen Möglichkeiten geboten.

Sonderbündelei, Frontenbildung, weitere Risse, wo schon so viel zerrissen ist – das wäre das schlimmste, was im Augenblick geschehen könnte.

Sonderbündelei Und was ist mit dem Vertrag, den der Bundeskanzler mit dem Staatspräsidenten schloß? Daß dieses Dokument, das die Freundschaft und den Ausgleich zwischen zwei Ländern zementieren soll, der Sache des ganzen Europas mehr schadet als nützt – darüber zu jammern, hilft nichts mehr. Die Unterschriften sind gesetzt, sie lassen sich nicht rückgängig machen.