Von Thomas V. Randow

Was wird geschehen, wenn plötzlich irgendwo auf der Erde unvorhergesehen eine Kernwaffe detoniert? Wird das betroffene Land die Explosion für einen Angriff oder Sabotage halten und sofort gegen den mutmaßlichen Feind zurückschlagen? Muß ein nuklearer Zwischenfall, ganz gleich, ob er absichtlich oder versehentlich herbeigeführt wurde, zwangsläufig zum atomaren Weltkrieg führen? Die Gefahr einer alles vernichtenden militärischen und politischen Kettenreaktion ist zweifellos sehr groß. Sie läßt sich jedoch eindämmen, wenn es gelingt, der Verwirrung vorzubeugen, die durch eine nukleare Katatrophe hervorgerufen wird. Dies ist nach Ansicht des bekannten amerikanischen Planstrategen Oskar Morgenstern mit den Mitteln der Nachrichtentechnik und insbesondere der statistischen Informationstheorie möglich.

Eines Tages wird versehentlich eine Kernwaffe explodieren. Wann und wo sich dieser nukleare Unglücksfall ereignen wird, kann natürlich niemand voraussagen, aber daß diese Katastrophe früher oder später einmal eintritt, dafür garantiert das Gesetz der Wahrscheinlichkeit:

Selbst wenn die raffiniertesten Maßnahmen zur Verhütung einer solchen unbeabsichtigten Explosion getroffen werden, bleibt stets ein Unsicherheitsfaktor bestehen. Dieser Faktor mag sehr klein sein, aber er hat eine äußerst bedenkliche mathematische Eigenschaft, er ist. additiv, und das bedeutet: mit jeder neuen Kernbombe, mit jeder neuen Atomsprengkopfrakete, jedem weiteren Nuklearwaffenstützpunkt und jedem neuen Mitgliedsland im Atomklub vergrößert sich die Gefahr um den Betrag eben dieses Faktors. Anders ausgedrückt: um diesen Zahlenwert verkürzt sich die Zeit, die uns bis zum Eintritt des Unglücksfalles verbleibt.

Die Entwicklung der nuklearen Bewaffnung, die mehr und mehr um sich greift – Frankreich ist gerade dabei, eine Atommacht zu werden, Rotchina scheint ebenfalls auf dem Wege dahin zu sein –, zwingt die beteiligten Nationen, dem Unsicherheitstaktor in zunehmendem Maße Rechnung zu tragen. Das würde aber einer Aufweichung des Konzepts der sofortigen Vergeltung entsprechen. Andererseits wird mit der wachsenden Geschwindigkeit der Transportmittel für nukleare Waffen und dem sich stetig vergrößernden Aktionsradius der Raketen die Bereitschaft zum augenblicklichen Gegenschlag immer dringlicher.

Wir haben es hier also mit einem Dilemma in des Wortes wahrer Bedeutung zu tun, mit zwei in gleicher Weise notwendigen, jedoch sich einander ausschließenden Förderungen: "abwarten" und "sofort zurückschlagen". Vom Standpunkt der Logik aus ist die Lage hoffnungslos. Was läßt sich nun noch tun?

Diese Frage wurde in der letzten Ausgabe der Zeitschrift "Fortune" von dem amerikanischen Theoretiker der Strategie Oskar Morgenstern diskutiert. Er beschäftigt sich in erster Linie mit dem informationstheoretischen Aspekt dieses Problems.