Eschborn

Es sieht aus wie "Tele-Sibirsk". Der Anfahrtsweg ist mit Brettern vernagelt. Erdarbeiten sind durch den Frost liegengeblieben. Vor Baracken türmt sich schmutziger Schnee. Dahinter steht ein Bauernhof, der von außen halb zerfallen wirkt; sein kostspieliges "Innenleben" sieht man ihm nicht an. Zwei Fernsehstudios mit Regieräumen und hochmodernen elektronischen Aufzeichnungsgeräten sind darin untergebracht. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen, was die inzwischen durch höchsten Karlsruher Richterspruch aufgelöste Freie Fernseh G.m.b.H. damals veranlaßt hat, ihr Sendezentrum ausgerechnet in diesen verlassenen Bauernhof von Eschborn zu verlegen. Die Taunusbahn nach Kronberg rattert wenige Meter entfernt und sorgt für Störgeräusche. Eine der Hauptabfahrtsstraßen des Rhein-Main-Schnellwegs zum Taunus führt unmittelbar vorbei. Und je nachdem wie der Wind weht, donnern darüber die Flugzeuge, die auf dem Militärflughafen Wiesbaden landen.

Doch die Mainzer Fernsehanstalt "Zweites Deutsches Fernsehen" (ZDF), Erbe des dramatischen Fernsehstreites konnte nicht lange wählen. Das Zweite Fernsehen will am 1. April 1963 "an die Öffentlichkeit treten" und mußte die halbfertigen Anlagen von Eschborn zunächst übernehmen. Ein neues Fernsehzentrum wird jedoch auf dem Gelände der Taunus-Film und der IFAG in Wiesbaden gebaut; in den nächsten Monaten schon will man umziehen. Am Ende aller Planungen steht der Traum des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Altmeier von einer großen Fernsehstadt in oder bei Mainz. Doch das liegt noch in weiter Ferne. Das Geld reicht vorläufig kaum für die laufenden Personal- und Programmkosten und die dringlichsten Investitionsvorhaben.

Finanzsorgen bedrücken den Intendanten Professor Holzamer, seine Direktoren und die 65 Mitglieder des Fernsehrates ("ein Spiegelbild der pluralistischen Gesellschaft") gegenwärtig am meisten. So wurde der ursprünglich vorgesehene Mindestausgabenplan für das Jahr 1963 von 189 Millionen DM bereits auf 178 Millionen zusammengestrichen. Doch selbst wenn man außer den voraussichtlich eingehenden Gebühren die zu erwartenden Einnahmen aus dem Werbefernsehen sehr optimistisch in die Kalkulation einsetzt und eine vertretbare Kreditaufnahme von rund 30 Millionen einplant, fehlen immer noch 10 Millionen.

Trotz der "Millionen-Lücke" wird mit Fleiß gedreht und geprobt. Die Mainzer müssen einen Vorrat an Fernsehspielen, Filmen, Dokumentarberichten und Unterhaltungsstreifen von mindestens zwei Monaten haben, um wenigstens einigermaßen sorglos "an den Sender" gehen zu können. Man rechnet für die Herstellung einer größeren Dokumentationssendung von der Idee bis zum letzten Schnitt mit fünf bis acht Monaten. Das ist ein hartes Brot für eine Mannschaft, die von Rundfunkanstalten, von Zeitungsredaktionen, vom Film und aus anderen Branchen zusammengekauft wurde und von heute auf morgen zum "Team" zusammenwachsen soll. Erstaunlicherweise klappte das jedoch hier besser als bei den "Bürokraten". Die Verwaltung der Mainzer Anstalt unter Direktor Huch kommt mit dem "Pioniertempo" der Produzenten noch nicht so ganz mit. Redakteure, die Schreibtische schleppen, oder Regisseure, die auf eigene Faust nach einem Ampex-Ingenieur suchen, waren keine Seltenheit.

Filme kann man kaufen, Fernsehspiele in Auftragsproduktion an Privatfirmen vergeben. Unterhaltungs-Shows auf dem Fernseh-Weltmarkt beschaffen, Opern bei der Aufführung erstklassiger Bühnen abdrehen – die Programmdirektion unter Direktor Grahlmann hat zwar auch alle Hände voll zu tun, kann sich aber notfalls behelfen. Hier aber sind neue Ideen nur schwer zu verwirklichen: "Schließlich können wir ein Spiel oder eine Show nicht viel anders machen als die Konkurrenz." Der eigentliche Wettbewerb wird sich also in der Hauptsache "im Aktuellen" abspielen, bei den politischen, zeitgeschichtlichen und dokumentarischen Sendungen. Hier liegen die großen Chancen, aber auch die Gefahren der neuen Anstalt. In Eschhorn, wo die Hauptabteilung "Tagesgeschehen" vorläufig noch ihr trauriges Barackendasein führt, wird seit dem 15. Januar "heiß" geprobt. Jeden Abend wird für den Hausgebrauch eine Tagesschau abgespult. Das Fernsehpublikum im Vorführraum stellt die Anstalt selbst aus dem Kreise ihrer Mitarbeiter. Auch die Mitglieder des Fernsehrates werfen gelegentlich einen kritischen Blick auf die Übungsmattscheibe. Alle aktuellen Ereignisse werden von eigenen Kameratrupps aufgenommen, Bundesminister und Landesfürsten interviewt und Konferenzschaltungen mit New York und Paris hergestellt. Das Filmmaterial der internationalen Bildagenturen wird stündlich von Kurierfahrern über halbvereiste Straßen vom Rhein-Main-Flughafen nach Eschborn geschafft. Man probt mit Eifer für den "Ernstfall".

Vom 1, April an werden die bundesdeutschen Fernseher zwischen zwei inhaltlich verschiedenen Programmen wählen können. Nachdem die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten (ARD) – wider Erwarten und unter Protest – das mit dem Zweiten Fernsehen abgestimmte Programmschema bestätigt hat, wird man die "ARD-Tagesschau" wie gewohnt um 20.00 Uhr sehen können, während die tagesaktuelle Sendung aus Mainz (der Name ist noch ein Geheimnis) bereits um 19.30 ausgestrahlt wird. Damit hat Chefredakteur Dietrich seine "Traumzeit" erhalten: "Wir haben unsere eigene Tagesschau nicht auf diesen Zeitpunkt gelegt, um der ARD zuvorzukommen, sondern weil die Mehrzahl des Publikums diesen Termin wünscht; außerdem kann der Zuschauer zwei informative aktuelle Sendungen durchaus vertragen."