Von Adolf Metzner

Der Bundespräsident hat kürzlich der Versehrtensport-Gemeinschaft Gelsenkirchen und ihrer Sitzballmannschaft, die dreimal hintereinander Bundessieger wurde, das Silberne Lorbeerblatt verliehen. Mit dieser Auszeichnung, die eine Mischung von Orden und Sportpreis darstellt, wurde Anerkennung von höchster Stelle einem Zweig am grünen Baum des Sports gezollt, von dem manche meinen, er gehöre eigentlich in die Nachbarschaft der orthopädischen Kliniken. Dort sei ein richtig dosierter und ärztlich überwachter Versehrtensport im Rahmen der rehabilitiven Medizin ein wichtiger Teil der Bewegungstherapie und sinnvolle Ergänzung der Krankengymnastik. Der Sportplatz wäre nun einmal ein Tummelfeld überschießender Vitalität und nicht der Ort einer Nachbehandlung für Körperbehinderte. Auch solle man – so wurde weiterhin argumentiert – gerade Amputierte davor bewahren, daß sie auf öffentlichen Sportplätzen oder in Schwimmbädern zum Mittelpunkt mitleidsbetonter Neugierde werden.

So summarisch läßt sich die Frage, die recht differenziert ist, nicht behandeln. Will man aber etwas von ihrer Problematik spürbar werden lassen, so kommt man ohne einige Fachausdrücke nicht aus, Termini technici klingen vielen, vor allem aber jenen, die meinen, die Sprache sei ein Kunstwerk, greulich in den Ohren. Auch die Mediziner machen mit ihrem Fachjargon dort, wo er nicht klassisch ist, keine Ausnahme. Die romantisch gestimmten Zeiten, als die Poesie die medizinische Nomenklatur noch veredelte, sind längst vorbei, und die Doktoren Carossa, Döblin, Benn und Bamm (alias Dr. Emmerich) haben vielleicht die Literatur, nicht aber die medizinische Fachsprache bereichern können. Leser mit besonders subtilem Sprachgefühl müssen es sich deshalb gefallen lassen, daß Menschen als ein- oder doppelseitig Arm- oder Bein-, Unter- oder Oberschenkelamputierte etikettiert werden.

Einseitig Armamputierte haben beim Sport der Gesunden schon öfter ganz, hervorragende Leistungen vollbracht. Natürlich ist dies nur in bestimmten Sportarten möglich, die nicht unbedingt beide Arme erfordern. Der frühere Mittelläufer der Fußballmannschaft von 1860 München, Pledl, der im Ersten Weltkrieg einen Arm verloren hatte, war zu seiner Zeit einer der besten deutschen Spieler. Auch Schlienz vom VfB Stuttgart, der bei einem Verkehrsunfall einen Arm einbüßte, zählte auch nach seiner Wiederherstellung noch zur deutschen Extraklasse. 1920 gewann Erler der nur noch einen Arm besaß, die deutsche 400-m-Meisterschaft, und der armamputierte Tennisspieler Redl gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg dem österreichischen Daviscupteam an.

Aber nicht nur Arm-, auch Beinamputierte haben ganz erstaunliche sportliche Leistungen aufzuweisen. Dr. Loos, ein Arzt, wurde als Oberschenkelamputierter Hamburger Meister im Hochsprung. Seine Bestleistung, mit 1,82 Metern ist heute noch von keinem Beinamputierten in der Welt übertreffen worden.

Fritz Maraun, auch ein Oberschenkelamputierter, war Deutscher Meister im Kunstspringen. Hier wurde sogar die spitzfindige Frage ventiliert, ob er beim geforderten möglichst spritzerlosen Eintauchen ins Wasser nicht sogar Vorteile gehabt habe! Der ungarische Schwimmer Halassy wurde mit einem im unteren Drittel amputierten Unterschenkel Europameister über 1500 Meter Kraul! Der Hamburger Eckardt, der ein Auge verloren hatte, wollte einst partout Amateurboxer werden; um ihn zu schützen, wollte ihn der Verband nicht zulassen. Schließlich schaffte er es doch, und die Vor- und Fürsorge der Verbandsfunktionäre erwies sich als völlig überflüssig. Mit einem Auge deckte er besser und schlug genauer als die anderen mit zweien; Eckardt wurde Deutscher Meister im Leichtgewicht.

Auch Ex-Oberst Rudel, Inhaber der höchsten deutschen Tapferkeitsauszeichnung des Zweiten Weltkrieges, muß hier erwähnt werden, wenn auch seine politische Aktivität nach dem Kriege nicht so preisenswert ist. Als Unterschenkelamputierter bestieg er mit einer Prothese den höchsten Berg der Anden, den Aconcagua, dessen Gipfel über 7000 Meter emporragt.