Manchmal bedarf es nur eines einzigen Briefes, um einen die Welt in einem anderen Licht sehen zu lassen. So ein Brief – man kann schon beinahe von einem Aufschrei sprechen – erreichte mich in diesen Tagen aus der italienischen Botschaft. Er lautet:

Signor!

Sehen Sie bitte in mir einen Mann, dem die Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern eine Herzenssache ist. Nur dann können Sie begreifen, daß aus meinen Worten an Sie echte Sorge spricht. Denn diese Beziehungen sind in Gefahr, getrübt zu werden.

Wenn ich hier von den Beziehungen zwischen unseren beiden Völkern spreche, so spreche ich jetzt nur von den so wichtigen von Mensch zu Mensch, also von Mann zu Frau. Diese Beziehungen könnte man sich, was Ihre Frauen und unsere Männer anbelangt, gar nicht enger vorstellen – man ist geradezu versucht von einer Achse, sagen wir, Recklinghausen–Rimini zu sprechen.

Bevor ich nun zum wesentlichen Punkt komme, möchte ich noch meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, daß wir beide es zu unseren vornehmsten Pflichten zählen, nationale Vorurteile zu beklagen und zu bekämpfen. Ein besonders absurdes möchte ich hier zur Sprache bringen:

Im Laufe meiner diplomatischen Tätigkeit in Ihrem Lande habe ich feststellen müssen, daß man hier geneigt ist, sich Sorgen sowohl um die Tugend wie um die Seelen deutscher. Frauen zu machen, die nach Italien reisen. Im ersteren Falle herrscht die Ansicht vor, daß es sich in der Mehrzahl um verschreckte, unerfahrene Wesen handelt, die in unserem Lande mehr oder weniger zu Opfern einer erbarmungslosen Verfolgungsjagd unserer männlichen Jugend werden, der sie schließlich nach tapferer Gegenwehr erliegen. Es wäre gewiß nicht sehr galant, zu untersuchen, wer da in Wirklichkeit die Verfolger und wer die Verfolgten sind. Vielleicht genügt der Hinweis, daß jeder deutsche Mann, dessen Frau, Braut, Geliebte, Mutter, Schwester, Tante oder Tochter nach Italien reist, eher damit rechnet, daß sie in Neapel gewesen ist, ohne den Vesuv zu sehen, als daß sie nach Deutschland zurückkehrt, ohne wenigstens den Skalp eines unserer braven Jungen am Gürtel zu tragen.

Was aber die Sorge um die Seelen dieser Frauen betrifft, so ist man bei Ihnen erstaunlicherweise der Meinung, in der überwiegenden Mehrzahl, also in, sagen wir, grob gesprochen, 14 von 15 Millionen Begegnungen dieser Art im Dienste der Völkerverständigung, habe es sich auf deutscher Seite um echte, wahre, naiv-vertrauende Liebe gehandelt – diese sei aber grausam enttäuscht und mißbraucht worden durch kaltherzige, zynische, nur von Genußsucht beherrschte italienische Männer. Zynische Italiener – wie aber sieht die Wirklichkeit aus?