Von Marion Gräfin Dönhoff

Es gibt immer wieder Leute, die meinen, wenn Chruschtschow und Kennedy sich nur einmal so richtig zusammensetzten, dann würden, sie sich bestimmt einigen, weil das doch für alle das beste sei. Sie scheinen zu glauben, es handele sich bei der Rivalität der beiden Mächte nur um flüchtige Launen, um Grillen, die sich leicht vertreiben ließen, und nicht um handfeste machtpolitische Interessen.

Ähnlich naiv muten einen diejenigen an, die da glauben, man könne England, dessen Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft Frankreich soeben mit List und Brutalität verhindert hat, nun doch noch durch die WEU oder irgendeine andere Hintertür in die Gemeinschaft hereinlancieren. Als handele es sich bei de Gaulles Veto nur um eine vorübergehende Marotte und nicht um eine ganz bestimmte Konzeption, auf die seit Jahren sein ganzes Handeln ausgerichtet ist. Die gleichen arglosen Idealisten behaupten, die Bundesrepublik stünde gar nicht vor der Alternative Washington oder Paris‚ denn die Deutschen liebten und schätzten ja ihre Nachbarn, die Franzosen, genauso wie die Amerikaner, und sie müßten doch auch mit beiden auskommen – warum also wählen?

So sprechen, heißt den Kopf in den Sand stecken. Dies aber ist offenbar die Lieblingsposition mancher Leute – denn nur auf diese Weise bleibt es ihnen erspart, die Katastrophen wahrzunehmen, die sich in den letzten Wochen anbahnten: die EWG wurde schwer angeschlagen, vielleicht tödlich getroffen, die NATO wurde angeknackst, und ein Dutzend europäischer Staaten betrachten sich gegenseitig voller Mißtrauen und Ärger, weil alle alten Ressentiments, historischen Erinnerungen und konkurrierenden Vorurteile wieder wach zu werden beginnen.

Da hilft es auch nicht, daß zwei betagte Staatsmänner sich ewige Freundschaft schwören und meinen, dieser Freundschaftsvertrag sei das größte Ereignis seit Jahrhunderten. Dabei kommt einem Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland heute, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch nur dieBedeutung zu, die man einem Vertrag zwischen dem Königreich Bayern und dem Königreich Preußen im Jahr 1913 zuzubilligen bereit gewesen wäre. Aber dies nur nebenbei – und nur, weil ein solcher Mummenschanz mit diesem Vertrag getrieben wird, daß es einfach nötig scheint, ihn einmal auf sein normales Maß, seine "herkömmliche Größe", zu reduzieren.

Bei der kläglich provinziellen Regierungserklärung in der vorigen Woche zitierte der Bundeskanzler jenen Pariser Vertrag: "In der Erkenntnis, daß die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern einen unerläßlichen Schritt auf dem Wege zu dem vereinten Europa bedeutet, welches das Ziel beider Völker ist..." Ganz sicher ist es das Ziel beider Völker, und auch die beiden Regierungschefs wollen Europa, aber ihre Vorstellungen davon sind total verschieden. Konrad Adenauer will ein Europa, das sich in eine größere Atlantische Gemeinschaft einfügt und das in etwa dem Grand Design Kennedys entspricht, de Gaulle aber meint ein selbständiges – von Amerika losgelöstes – Europa, eine dritte Kraft, die zwischen dem Kommunismus des Ostens und dem Kapitalismus Amerikas eine eigene Lebensform bietet.

Immer schon hat de Gaulle in Opposition gegen Allianz und Integration gestanden – integrierte Nationen seien Nationen zweiter Klasse, sagte er einmal. Im Mai 1958 kam er zur Macht. Ein Jahr zuvor meinte er, wenn die Struktur der NATO nicht geändert werde, müsse Frankreich aus diesem Bündnis ausscheiden. Im März 1959 entzog er die französische Marine der NATO-Integration und re-nationalisierte sie. Im Juni des gleichen Jahres weigerte er sich, die neun US-Jagdbomber-Staffeln mit etwa 200 Flugzeugen weiterhin auf französischem Boden zu dulden, es sei denn, Frankreich erhalte das Verfügungsrecht über die Atommunition. Im September 1960 erklärte er, daß nur die Teile der französischen Luftwaffe, die an den Grenzen zur Bundesrepublik und in der Bundesrepublik stationiert sind, in die NATO integriert würden. Im Ernstfall aber behalte er sich den Einsatzbefehl auch über diese Streitkräfte vor.