Die Wahl in Berlin hat zwei Dogmen der deutschen Innenpolitik erschüttert. Das erste lautete: Berlin muß von einer Allparteienregierung regiert werden; das zweite: Der Weg der Sozialdemokraten zur Mehrheit in der Bundesrepublik gleicht einem geduldigen Prozentesammeln, da ein Prozentchen, dort ein Prozentchen – und am Ende reicht es doch nicht ganz.

Die eine Uberzeugung, daß in Berlin nicht eine der beiden großen Parteien allein regieren sollte, war schon während des erbittert geführten Wahlkampfes ins Wanken geraten. Jetzt, da es in dieser Stadt nur noch eine große Partei gibt (die CDU ist mitsamt der FDP kaum mehr als halb so stark wie die SPD), überlegt man sich in Bonn und noch mehr in Berlin, ob es sich noch lohne, das alte Bündnis fortzusetzen.

Die zweite Überzeugung, der Aufwärtstrend der SPD bringe diese Partei, wenn überhaupt, dann erst in vielen Jahren an die Regierung, hat schon im letzten Jahr bei den Landtagswahlen gelitten, als die Sozialdemokraten in verblüffendem Tempo aufholten. Die Wahl in Berlin aber brachte mehr als nur die Bestätigung dieses Trends: Sie war ein politischer Erdrutsch.

Daß die Große Koalition ausgerechnet jetzt, kaum daß man sich in Bonn mit dieser Idee vorsichtig anzufreunden begann, in Berlin ernsthaft gefährdet ist, entbehrt nicht der Ironie. Hatte nicht Willy Brandt, der Apostel der Gemeinsamkeit, diesen Gedanken in die Bundespolitik "exportiert" – gegen den Widerstand mancher seiner Parteifreunde? Hatten nicht Berliner SPD-Politiker erklärt, die Berliner Koalition könnte auch ein Modell für Bonn abgeben? Und nun sieht es so aus, als ob die von Brandt Bekehrten ihm, dem Bürgermeister von Berlin, zureden müßten, seiner eigenen Parole treu zu bleiben. Und auch bei der Berliner CDU scheint die Abneigung gegen eine Große Koalition weit ausgeprägter zu sein als in Bonn.

Die Berliner freilich haben zur Genüge erfahren, daß eine solche Koalition nicht nur Vorteile bringt, sondern auch manche Gefahren in sich birgt. Daß sie kein Ideal ist, sondern ein Notbehelf, zu rechtfertigen nur, wenn die Gefahr für den Staat übermächtig ist, bedarf kaum der Erwähnung. In Berlin aber ist das Außergewöhnliche zur festen Institution geworden – mit allen ihren Nachteilen. Das Proporzsystem – und damit die Domäne der Parteien – reicht tief in die Verwaltung hinein. Das Parlament ist, wie eine Berliner Zeitung bissig bemerkte, zu einem erweiterten Verwaltungsausschuß der Exekutive geworden; politische Entscheidungen fallen dort nicht. Das System der Gewaltenteilung funktioniert manchmal nur notdürftig, innenpolitisch herrscht Immobilismus.

"Wir müssen die komischen Verzierungen, die einer großen Koalition anhaften, eben in Kauf nehmen", erklärte einmal resigniert ein Berliner Senator. Und in der Tat: in Berlin, in jener Stadt, die eingeschlossen ist in Ulbrichts Herrschaftsbereich, die ständig um ihre Existenz kämpfen muß, mag es wichtiger sein, eine gemeinsame Front nach außen zu bilden, als die Spielregeln einer wohlgeordneten parlamentarischen Demokratie bis aufs I-Tüpfelchen zu erfüllen.

Aber auch diese gemeinsame Front nach außen zeigt seit einigen Wochen tiefe Risse. Die Regel, daß die Berliner Parteien, wenn es um ihre Stadt geht, sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, scheint nicht mehr bindend zu sein – im Wahlkampf jedenfalls galt sie nicht. Daß der Besuch Brandts bei Chruschtschow im letzten Augenblick am Veto der CDU scheiterte, war schon schlimm genug; daß aber nachher diese Auseinandersetzung zum Hauptthema des Wahlkampfes hochgespielt wurde, ist nicht mehr zu entschuldigen. Ob nun die Bonner CDU versuchte, den Kanzler-Kandidaten Willy Brandt abzuwerten, oder ob die Berliner CDU tatsächlich glaubte, der gescheiterte Besuch lasse sich im Wahlkampf mit Profit verwerten – eines jedenfalls wurde deutlich: Von Gemeinsamkeit war nicht mehr viel zu spüren, hier herrschte der handfeste Parteiegoismus.