Lieber Freund,

ich stimme Dir zu, wenn Du feststellst, daß sich hier im Rheinland ein neuer Kulturkampf anbahnt.

Merkwürdig nur, wie die Fronten sich verschoben haben: Diesmal ist es ein Bismarck, der die arg angefochtene Freiheit zu verteidigen unternimmt, und es sind Windthorsts Enkel, die jener mit einem dumpfen Groll zu Leibe rücken.

Freilich, ich kenne Deinen Einwand: Es ist fast sakrilegisch, die (damals noch) tapfere, gute alte Zentrumspartei mit der CDU zu vergleichen und den alten Windthorst mit diesen auf eine peinliche Weise durchsichtigen Galopins, die zum Streite blasen.

Auch an meine Ohren ist der sehnsüchtige Ruf der CDU nach Kontakt mit den sogenannten Intellektuellen gedrungen. Ich muß mich leider diesem Liebeswerben versagen, ich bin kein Intellektueller, nur ein bescheidener Dorfschulmeister, der im Moment mit seinen eigenen, wenn auch lokalbedingten, so doch schmerzlichen Schwierigkeiten vollauf beschäftigt ist.

Daß ich die Luther-Bibel nicht nur besitze, auch noch darin lese, war unserem Pfarrer schon lange ein Dorn im Auge. Seitdem sich nun herausgestellt hat, daß meine Mutter evangelisch war und es zeitlebens nicht für notwendig hielt, in den Schoß der heiligen Kirche zurückzukehren, werde ich zum Ziel einer merkwürdigen Flüsterpropaganda.

In unseren beiden Dorfkneipen flüstert man sich – wenn der Bildschirm eine Atempause, gestattet – zu, ich hätte "etwas" mit einer Schülerin der Abschlußklasse.