Die Blütezeit des Familienblatts fällt zweifellos in die Jahre 1815 bis 1848, die Epoche des beschaulich, traulich zopfigen Biedermeiers, eine Zeit, die von ihren ersten Tagen an eigentlich "die gute alte Zeit" war. Es war eine Restaurationsperiode, die dem Pressewesen zwar vervollkommnete Vervielfältigungsmethoden bescherte, gleichzeitig aber auch strenge Zensurbestimmungen, so daß es auf das Gebiet des Unpolitischen ausweichen mußte. Gleichzeitig lief jene zweite Welle der "Aufklärung" an, in der man sich unter dem Motto "Wissen ist Macht" mit den neuesten Ergebnissen der Forschung, mit Erfindungen der Technik auseinandersetzte.

Man kann das Ziel der Gartenlaube keineswegs gemütlich-philiströs nennen, auch war der Ort, an dem der Verleger Ernst Keil seinen Plan faßte, nicht eben traulich. In Keils Nachlaß fand sich ein vergilbtes Blatt in einem Umschlag mit der Aufschrift: "Erste Plannotizen zur Gartenlaube, niedergeschrieben in meiner Zelle 47 im Landesgefängnis Hubertusburg, Anfang Oktober 1852, in der Dämmerstunde beim Auf- und Niedergehen in der Zelle." Keil war zu dieser Zeit ein fünfunddreißigjähriger Mann und hatte als Redakteur schon lange die Sache der deutschen Freiheits- und Einheitsbewegung verfochten. Er war am 6. Dezember 1816 in Langensalza in einem guten Bürgerhause geboren worden. Sein Vater, ein höherer Justizbeamter, war schon pensioniert, als die Frage der Berufswahl an seinen Sohn herantrat; er konnte ihm kein Studium ermöglichen. So wurde der junge Ernst Keil Buchhändlerlehrling in Weimar, zu dessen Pflichten es unter anderem gehörte, dem verehrten Geheimrat Goethe jede Woche die wichtigsten Neuerscheinungen zu bringen. Hier kam er mit der Ideenwelt der jungdeutschen Literatur in Berührung, mit der Sehnsucht nach einer Wiedergeburt des zerrissenen deutschen Vaterlandes.

Bald redigierte er im Auftrag des Buchhändlers Philippi in Grimma die Zeitschrift Unser Planet. Er trat schon bei diesem, seinem frühesten journalistischen Unternehmen sehr entschieden für seine Überzeugungen ein, schrieb gegen die reaktionäre Politik Metternichs und des Frankfurter Bundestags und versuchte, im Sinn der Freiheitsmänner Badens und Württembergs, auf das Verfassungsleben in Sachsen und Preußen einzuwirken. Natürlich lebte er in ständiger Fehde mit Zensur und Polizeibehörden, bis ihm endlich die Redaktion der Zeitschrift ganz verboten wurde. Im Sommer 1845 gründete er ohne einen Pfennig eigenes Kapital seine erste Zeitschrift: Der Leuchtturm – "Monatsschrift zur Unterhaltung und Belehrung für das deutsche Volk". Eine letzte Welle vormärzlicher Bundespolitik hatte die bisherige Oppositionspresse weggespült, und Keil wollte versuchen, den Kampf wieder aufzunehmen, ihn jedoch so weiterzuführen, daß Polizei und Zensur keine Handhabe zum Eingreifen gegeben wurde.

Man kann den Lebenslauf des Leuchtturms ohne Übertreibung eine wahre Odyssee nennen. Er wanderte, immer wieder von der Zensur verboten, über Magdeburg, Halle, Dessau und Bremen nach Braunschweig, um dort am Ende auch untersagt zu werden. Dann aber brachte der März 1848 die Pressefreiheit in allen deutschen Ländern, und Keil konnte die Zeitschrift wieder in Leipzig im eigenen Verlag erscheinen lassen. Jedoch die Pläne der Paulskirche zerrannen. Friedrich Wilhelm IV. von Preußen wies die Kaiserkrone zurück, und die Reaktion unterwarf Presse und Literatur sofort einer verschärften Polizeizensur. Der Leuchtturm wurde nun wie viele andere liberale Blätter ganz unterdrückt. Keil dachte aber nicht daran aufzugeben. Er suchte lediglich ein neues Medium, um den Kampf fortzusetzen. Es gelang ihm, das einzige politische Oppositionsblatt zu erwerben, das noch in Sachsen existierte: Stolles Illustrirter Dorfbarbier – "Ein Blatt für gemütliche Leute". Das humoristische Volksblatt erlebte – besser ausgestattet und wirksamer illustriert – unter seiner Leitung eine ungeahnte Blütezeit und brachte es innerhalb von sechs Monaten zu einer Auflage von 20 000 Exemplaren. Da aber wurde der Prozeß, den man dem als Umstürzler verdächtigen Verleger des Leuchtturms gemacht hatte, wieder aufgenommen, und Keil mußte eine neunmonatige Haft in Hubertusburg verbüßen.

Keil hatte jetzt Muße, die politischen Erfahrungen der letzten Jahre zu überdenken und zu überlegen, wie er wirklich sinnvoll weiter auf seine Ziele hinarbeiten könne. Er kam zu dem Ergebnis, daß die ersehnte politische Freiheit nur in einer "ziemlich gleichmäßig gebildeten, tugendhaften Gesellschaft mit gleichen Interessen" zu verwirklichen sei. Es war also zunächst diese Grundlage zu schaffen, ehe man die weitergesteckten politischen Ziele wieder in Angriff nahm. Außerdem hatte er nun aber auch bei seinem Leserpublikum mit veränderten Bedürfnissen zu rechnen, die Begeisterung der achtundvierziger Zeit war erloschen, und es war keine große Teilnahme mehr für ein primär politisches Blatt wie den Dorfbarbier zu erwarten.

In Keil gewann allmählich der Plan Gestalt, ein Organ der Volksaufklärung auf naturwissenschaftlichen, Gebiet zu schaffen, eine Zeitschrift, die gleichzeitig das deutsche Familienleben förderte und Gemeinsinn und Vaterlandsliebe pflegte. Der unterhaltende Teil sollte "Gedichte unserer besten Poeten und zwar stets gut illustriert", Novellen aus dem Themenkreis der vaterländischen Geschichte und des neuen Volkslebens und "Schilderungen, besonders interessante, der Sitten, Gebräuche und Zustände deutscher und fremder Völker" bringen. Damit war zunächst nichts Neues gegeben, entscheidend für die Gestaltung und den Erfolg des Blattes war der nächste Programmpunkt: die Briefe aus der Natur. "Irgendeine Persönlichkeit, die noch zu erfinden, bespricht in durchaus populären Briefen die wichtigsten und nächstliegenden fragen aus dem Naturleben; zum Beispiel das Wasser, die Luft, den Mond. .. Bau der Insekten und Käfer, das Eisen, Erz und so weiter, wozu gute Abbildungen geliefert werden." Dese belehrenden Briefe müssen so geschrieben sein, "daß sie die gewöhnlichsten Handwerker, besonders aber die Frauen verstehen können". Auch der "äußere und innere Mensch", der Bau, die Tätigkeit und das Leben des menschlichen Körpers sollten "natürlich mit größter Decenz" geschildert werden, denn "wenn der Mensch ich ganz klar werden will, so muß er vor allem ich selbst kennenlernen". Außerdem war ein kleines Feuilleton "mit Notizen aus der Zeit und der Literatur" vorgesehen, das aber "nur als Lückenbüßer" dienen sollte.

Den Titel hatte Keil aus eigenen Gefühlsassoziationen – aus der Sehnsucht des Häftlings nach dem Heim, nach der großen schattigen Laube im Vorgarten seines Hauses in Leipzig gewählt. Er hätte aber keinen allgemein ansprechenderen, volkstümlicheren wählen können, denn die Gartenlaube war damals ein idyllischer Ort des Zusammenseins, des Geborgenseins und der ruhigen Betrachtung, an den sich besondere Gemütswerte knüpften.