Von Ulrich Gregor

Es scheint ein deutsches Erbübel zu sein, ein tief eingewurzelter nationaler Komplex, mit Mißtrauen auf das Ausland zu blicken und dort nach perfiden Verschwörern zu forschen, die danach trachten, das deutsche Ansehen zu schmälern. Vielleicht ist dies stets gefährdete und seiner selbst nicht sichere nationale Bewußtsein noch ein Überbleibsel aus der Zeit der Kleinstaaterei; sicherlich hat es etwas mit dem Gang der Geschichte in den letzten fünfzig Jahren zu tun. Nicht zuletzt die Nationalsozialisten schürten ja die Mißtrauensgefühle gegenüber dem "feindlichen Ausland".

Und neuerdings, nachdem das schlechte Gewissen der ersten Nachkriegsjahre überwunden ist, nachdem alte, längst fragwürdige Traditionen wieder restauriert worden sind, beginnt auch das deutsche Nationalgefühl, an das Ausland neue Ansprüche zu stellen. Ein Objekt hat es neuerdings gefunden, an dem es seinen Ärger auslassen kann: Das ist die Darstellung der Deutschen im italienischen Film.

In regelmäßigen Abständen läßt sich konstatieren, wie in der Tages- und Illustriertenpresse (sowie im Fernsehen) die Empörung nationalgesinnter Journalisten und Autoren gegen jene italienischen Filme laut wird, die man als "antideutsch" zu brandmarken pflegt. Aber schon diese Vokabel, unter deren Schutz sich chauvinistische Selbstgefälligkeit breitmacht, muß man zurückweisen.

Jene Filme, um die es geht, spielen in der Vergangenheit. Sie zeigen – nicht immer in vorteilhaftem Licht – Repräsentanten einer deutschen Obrigkeit, eines Regimes, mit dem die Bundesrepublik offiziell gebrochen hat. Die italienischen Kriegs- und Widerstandsfilme (übrigens eine Minderheit in der gesamten Produktion) sind nicht "antideutsch", sondern antinazistisch. Als "antideutsch" werden sie nur von jenen Beobachtern empfunden, die sich mit den Vertretern der SS, der Wehrmacht oder anderer Organisationen des Hitlerregimes, wenn sie auf der Filmleinwand auftauchen, direkt oder indirekt identifizieren.

Die Proteste gegen "antideutsche" Filmwerke des Auslands haben eine lange Geschichte. Gewissermaßen eingeleitet wurde die Welle des nationalen Aufbegehrens durch jene unbegreifliche und, bedenkt man sie recht, sogar ungeheuerliche Protestaktion offizieller Bonner Stellen gegen die Aufführung des Films "Nacht und Nebel" in Cannes 1955. Abgesehen davon, daß der Dokumentarfilm von Alain Resnais in seiner künstlerischen Darbietung und in seiner politischen Haltung nobel und selbstlos ist, mußte ein solcher Protest im Ausland fatale Wirkungen haben – und die waren in den Reaktionen der Pariser Blätter auch abzulesen. Mußte nicht der Eindruck entstehen, man identifiziere sich in Deutschland mit den im Film angeprangerten Verbrechen? "Nacht und Nebel" wurde dann in Cannes doch aufgeführt, wenn auch außer Konkurrenz. Der ganze Sturm hatte nichts genützt.

Insgeheim grollte die deutsche Verbitterung aber weiter. 1961 liefen in Cannes wieder mehrere Filme, die Themen aus dem letzten Krieg behandelten, wobei die deutsche Armee nicht sehr gut wegkam. Daraufhin zeigten deutsche Festivalteilnehmer so deutlich ihre Beleidigung, daß sich der Kritiker Charles. Ford. schließlich genötigt sah, in den Spalten der Festivalzeitschrift die Deutschen mit dem – allerdings sehr fragwürdigen – Argument zu verteidigen, man dürfe ihre Armee im Film nicht herabwürdigen, denn immerhin sei sie ja bis Stalingrad gelangt.