Wir werden den Maghreb-Gedanken wieder aufnehmen, sobald es unsere algerischen Nachbarn gelernt haben, sich uns gegenüber wieder anständig zu benehmen." Voller Zorn sagte dies Tunesiens Staatspräsident Habib Bourgiba dem Vertreter der "Monde".

Das war vor sechs Wochen. Damals hatte der tunesische Regent seinen algerischen "Bruder" Ben Bella öffentlich angeprangert, einen Mordanschlag gegen ihn eingefädelt zu haben. Die Botschafter packten ihre Koffer und kehrten in ihre Heimatländer zurück. Wieder einmal, so schien es, war der Traum vom "Großen Maghreb" – dem politischen und wirtschaftlichen Zusammenschluß der nordafrikanischen Staaten – ausgeträumt.

Das nun war der günstige Augenblick, da der Dritte im Bunde, König Hassan II. von Marokko, seine Chance sah, das Heft in die Hand zu nehmen: Er lud die nordafrikanischen Außenminister zu einer Versöhnungskonferenz nach Rabat ein, nahm selber an den nächtlichen Debatten teil und brachte es immerhin zuwege daß die Algerier und Tunesier ihr Kriegsbeil begruben. Wieder packten die Diplomaten ihre Koffer und eilten in die Residenzen ihrer Gastländer zurück. Ist damit der große Plan der Verwirklichung wieder einen Schritt nähergerückt?

Seit dieser Plan besteht, seit die politischen Parteien der drei nordafrikanischen Staaten 1958 einen "Ständigen Rat des arabischen Maghreb" gründeten, seit die Regierung in Rabat zusammen mit den Algeriern 1962 eine Maghreb-Kommission einsetzte, ist er immer nur eine Zukunftsvision geblieben.

Wie auch sollten sich Nordafrikas "ungleiche Brüder" – das monarchistische Marokko, das sozialistische Algerien, das republikanische Tunesien – zu einer Föderation verbünden? Da schwelt noch heute der Zorn in Marokko, daß Tunesien das benachbarte Mauretanien als selbständigen Staat anerkannte – obwohl Rabat dieses Land für sich beansprucht. Da ist in Algier noch nicht vergessen worden, daß Bourgibas Truppen während der Bizerta-Affäre in die algerische Sahara einrückten, um die Erdölquellen bei Edjeleh zu besetzen. Da besteht noch immer der Anspruch der Marokkaner auf das Eisenerzgebiet von Tindouf in der algerischen Westsahara. Da klingt den algerischen Revolutionären noch der Vorwurf Bourgibas in den Ohren, sie wollten allesamt "Castros und Maos" werden.

Und obendrein fürchtet ein jeder, der andere könnte einst die Macht in jenem "Groß-Maghreb" übernehmen: Der König von Marokko, der sich erst jetzt als Friedensstifter "vordrängte"; Ben Bella in Algier, der mit 80 000 kampferprobten Soldaten die stärkste Armee in Nordafrika befehligt und dessen revolutionärer Triumph über Frankreich ihn zu einem Idol auch unter den Arabern außerhalb Algeriens erhob; der Präsident in Tunis, der für sich in Anspruch nimmt, als erster den Einheitsgedanken verfochten zu haben. Der Traum vom Maghreb, einer Föderation von Ägypten bis zum Atlantik, ist also durchwirkt von Neid, Furcht und Mißtrauen.

In Nordafrika, wo noch jeder Staat vollauf damit beschäftigt ist, sich politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren, ist die Zeit für einen Bund aller Araber wohl doch noch nicht reif. Noch liegen zu viele Hindernisse auf dem Weg. Tunesiens ehemaliger Informationsminister Masmoudi spottete einmal über die "neue politische Krankheit – die Maghrebitis". Auch das Versöhnungstreffen von Rabat war da keine Heilkur. D. St.