R. P., Hamburg

Grau und verfallen, ein gebrochener Mann, – so stand er drei Tage lang vor seinen Richtern: der Hamburger Bundesbahnobersekretär Alfred Messer. 57 Jahre alt, seit über 20 Jahren Bahnbeamter, pflichttreu und untadelig. Bis auf jenes eine Mal.

Kühl, sachlich und sehr souverän erläuterten drei Kollegen des Angeklagten – Dienstrang allerdings wesentlich höher als er – als Gutachter dem Gericht, daß Alfred Messer am 5. Oktober 1961, abends um 22.34 Uhr vorschrifts- und pflichtwidrig handelte, als er einem S-Bahn-Zug freie Fahrt gab, obwohl auf der Strecke ein mit riesigen Brückenträgern beladener Bauzug rangierte. Der S-Bahn-Zug fuhr mit voller Wucht auf und wurde von den Brückenträgern der Länge nach durchbohrt. Es war das schwerste Eisenbahnunglück in der Geschichte der Hansestadt. 28 Menschen wurden getötet, 35 schwer verletzt.

Völlig verstört hatte Messer in jener Nacht wieder und wieder gestammelt: "Ich bin schuld, ich habe den Bauzug vergessen Tags darauf gab die Bundesbahndirektion ihre Standarderklärung für schwere Unfälle: "Menschliches Versagen."

Dabei blieb es, auch jetzt vor Gericht. Die Sachverständigen der Bundesbahn erklärten, Messer allein sei schuld an dem Unglück, der Staatsanwalt sagte dasselbe, und so entschied auch das Gericht rein Jahr Gefängnis.

Messer wird die Strafe nicht abzusitzen brauchen, man wird ihn begnadigen. Er mag auch gespürt haben, daß ihm das Publikum im Gerichtssaal – manches Unglücksopfer darunter – Mitleid und Sympathie entgegenbrachte. Aber das hilft ihm wenig gegen dieses harte,Du allein warst schuld!"

Es scheint jedoch, als habe selbst die Richter ein leiser Zweifel beschlichen, ob es recht sei, dem Fahrdienstleiter Messer die ganze Schuld an dem Unglück aufzubürden. In der mündlicien Urteilsbegründung fiel jedenfalls ein merkwürdiger Satz: "Es ist nicht Sache des Gerichts, die Vorschriften der Bundesbahn zu überprüfen."