Der Anschluß fand nicht statt. Die Studenten von Berlin weigern sich, die Isolation der Freien Universität von der Entwicklung an den bundesdeutschen Hochschulen zu durchbrechen. In einer Urabstimmung entschieden sie mit einer Mehrheit von nahezu zwei Dritteln, daß der Burschenschafter stud. jur. Eberhard Diepgen nicht AStA-Vorsitzender werden solle.

Diese Entscheidung ist anachronistisch. Sie widerspricht den gesellschaftlichen Verhältnissen in der Bundesrepublik, die schon im Jahre 1953 von den "Burschenschaftlichen Blättern" indirekt so charakterisiert wurden: "Wir sind mit Couleurband und Mensurschläger – unserer Zeit enger verbunden als ein Sozialistischer Deutscher Studentenbund."

Darum kümmerten sich die Studenten von Berlin nicht. Sie hielten starrsinnig an dem Gründergeist von 1948 fest, an dem traditionellen Bekenntnis gegen kommunistische Diktatur und gegen restaurative Bestrebungen im eigenen Lager. Obwohl sie wissen mußten, daß dieser zweite Teil ihres Bekenntnisses längst unerwünscht ist. Sie weigerten sich, die gesellschaftliche Realität der Bundesrepublik zu sanktionieren. Und das ist gut so. Das Datum des 30. Januar hat in der deutschen Geschichte seine eigene Bedeutung, und insofern ist es kein Zufall, daß es auch ein 30. Januar war, an dem jetzt Eberhard Diepgen, früherer Sprecher der an der Freien Universität ausdrücklich nicht zugelassenen Burschenschaft "Saravia-Berlin", vom Konvent der Freien Universität zum AStA-Vorsitzenden gewählt wurde. Diese Wahl war legal. Die Urabstimmung schien ebenfalls legal zu sein, denn es sollte nicht entschieden werden, ob ein Burschenschafter AStA-Vorsitzender und damit politischer Repräsentant der Studentenschaft werden kann, sondern ob er es werden soll. Die Anhänger der Urabstimmung setzten sich allerdings über ein wissenswertes Argument ihrer Gegner hinweg: daß man nämlich das Wesen einer schlagenden Verbindung nicht von außen erfassen könne, weil es sich rationaler Begründung entzieht, daß nur der die Mensur versteht, der sie selbst schlägt, daß sich nur dem Einsicht in das Wesen der schlagenden Korporation erschließt, der sie von innen erlebt. In diesem Sinne hatte einer der energischsten Anhänger Diepgens, der Konventsabgeordnete Ulf König, völlig recht, als er in einer Konventssitzung über die Urabstimmung erklärte: "Studenten sollen gefragt werden, die keine Einsicht haben, die sich leiten lassen von Gefühlen gegen die Korporationen, meine Damen und Herren, man wiegelt die Studenten auf." Die Studenten von Berlin erfaßten die Sache der schlagenden Korporationen nicht von innen, sie ließen sich aufwiegeln.

Eberhard Diepgen ist für die Ansichten seiner Anhänger nicht verantwortlich. Seine fachlichen Qualifikationen blieben unbestritten. Die schlagenden Korporationen wußten, worum es ging, und schickten deshalb ihren fähigsten Mann in den Kampf. Einen, der sich noch nicht bloßgestellt hat (wenn man von seiner Äußerung im Rundfunk absieht, die Mensuren seien dazu da, den "inneren Schweinehund" zu überwinden). Aber Eberhard Diepgen hätte sich von seinen Anhängern nicht befreien können – deshalb war er politisch ungeeignet, die Studenten von Berlin zu repräsentieren,

Wie hätte sich auch Eberhard Diepgen von seinen Verpflichtungen als Burschenschafter lösen können, die sein Bundesbruder Botho Wolff von der "Saravia-Berlin" gerade erst im Dezember-Heft der "Burschenschaftlichen Blätter" so formulierte:

"... es ist berechtigt, wenn wir singen:

Ist der Bursch in Amt und Stand