Stürzt Konrad Adenauer noch seinen Nachfolger?

Bonn, im Februar

Noch immer hat Professor Erhard bessere Chancen, Adenauers Nachfolger zu werden, als irgend ein anderer CDU-Politiker. Aber seine Aussichten nehmen von Monat zu Monat ab. Dazu trägt Erhard selber mindestens ebensoviel bei wie Adenauer, der ihm die Qualifikation zum Bundeskanzler abspricht.

Er wisse nicht, sagte der Kanzler erst kürzlich wieder in seinem vielbeachteten Fernsehinterview, wer sein Nachfolger werden solle. Bald darauf gab auch von Brentano zu erkennen, wieviel Ansehen Erhard in der Fraktion eingebüßt hat. Es bestehe "durchaus die Bereitschaft der CDU/CSU-Fraktion", sagte er, "Erhard als Nachfolger des Kanzlers zu nominieren." "Durchaus die Bereitschaft..." Noch vor kurzem hatte man es mit einer Bestimmtheit gehört, die jeden Zweifel ausschloß.

Und der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU, Rasner, sprach eben erst von der "Unsicherheit", die auch im personellen Bereich der Nachfolgefrage bestehe. Ein hoher Ministerialbeamter in Bonn deutete diesen Wandel in der Bewertung Erhards sarkastisch so: "Vielleicht gelingt es dem Bundeskanzler noch vor seinem Rücktritt, seinen Nachfolger zu stürzen."

Noblesse oder Schwäche

Erhard hatte lange Zeit keinen ernsthaften Rivalen. Auch dann noch nicht, als der Kanzler seinem Renommee durch zahlreiche wohlgezielte Bemerkungen schon einigen Abbruch getan hatte. Die Fraktion hatte nämlich diese Kanzler-Methode allmählich satt bekommen. Sie wollte sich nicht länger den Mann vor der Öffentlichkeit abwerten lassen, von dem sie sich die größte Publikumswirksamkeit bei der nächsten Bundestagswahl erhoffte. So schien es eine Zeitlang, daß weitere Attacken Adenauers gegen Erhard für den Kanzler selber riskant werden könnten.