"Neun Tage eines Jahres" (Sowjetunion; Verleih: Pegasus): Die meisten der Filme, die bisher die Erneuerung des Sowjetfilms seit dem XX. Parteitag ausmachten, dienten der mehr oder minder kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, mit Krieg und Stalinismus. Dieser in seinem Ursprungsland heftig umstrittene Film läßt sich indes auf die Gegenwart ein. Regisseur Michail Romm beschreibt in distanziertem Chronikton das Leben eines Atomphysikers durch ein Jahr hindurch, seine Einstellung der eigenen Arbeit gegenüber, die Beziehungen zu seinem Freund und Kollegen und zu seiner Frau. Aus alltäglichen Szenen, zu Hause und im Werk, bei Diskussionen und beiFesten, ersteht das Bild eines modernen Intellektuellen, wie es ähnlich auch ein westlicher Film zeichnen könnte. Das Metier des Helden ist dabei symbolisch zu verstehen – der Vorspanntext räumt ein, daß die physikalische Seite des Films möglicherweise der Authentizität, entbehre – es ermöglicht, die Welt der Helden als großes Laboratorium erscheinen zu lassen, in dem für die Zukunft experimentiert wird, nicht nur für die der Energieversorgung oder der Kriegführung, sondern auch für die der Gesellschaft und des Individuums. Dabei wird mehr gefragt als geantwortet. Zweifel und Vertrauen halten sich die Waage. Selbst die Zukunft des Kommunismus erscheint nicht mehr als festumrissene Planaufgabe, pat

"Die Skrupellosen" (Brasilien; Verleih: Aero): Während der letzten "Berlinale" erhitzte dieser Film wegen seiner pornographischen Momente die Gemüter. Die FSK hat ihm nur noch eine einzige Nudität belassen: Ein nacktes Mädchen am Strand. Ein Auto nähert sich ihr und umkreist sie in stets hektischerem Tempo. Aus dem Wagen klickt der Verschluß eines Photogeräts wie der repetierende Abzug eines Revolvers. Die Kreisfahrten werden zum Synonym der Vergewaltigung. Die Freudenschreie des Photographen verraten die Barbarei. Diese Sequenz läßt erkennen, was übers Spekulative hinaus von der Regie zumindest subjektiv aufrichtig intendiert war: statt Pornographie eine Porträtsammlung von Pornographen. Dafür spricht auch die dank der Schnitte kraus anmutende Story. Für Jandir, den Gammler, ist sein Tun Geschäft, aber plus Abenteuer. Für den reichen Nichtstuer Wawa ist es Ersatzhandlung schlechthin. Beide entlarven sich vollends, als sie im Rausch des Erfolges noch zum Pervitin greifen und so als Liebhaber physisch versagen. Wo sie noch zu treffen sind, spüren sie endlich die Selbsterniedrigung. Jenseits einer mangelhaften Dramaturgie scheitert dieser Versuch einer Bewußtseinsbeschreibung vor allem an Ruy Guerras hypertrophiertem Stilwillen. Er möchte gleich die ganze nouvelle vague übertrumpfen und läßt doch nur der nazistischen Kamera ihren unkontrollierten Lauf. rpk