R. S., Bonn, im Februar

Hat der deutsche Bundestag wirklich noch nicht begriffen, was draußen im Lande auch dem "Normalbürger" aufgegangen ist: daß Wissenschaft und Forschung und ihre Förderung durch den Staat nicht Rand-, sondern Zentralprobleme unserer Existenz sind? Denkt man an die schwache Besetzung des Bundestages bei der Debatte über diese Fragen in der vorigen Woche, dann läßt sich dieser Eindruck kaum vermeiden.

Da mühte sich der Bundesminister für wissenschaftliche Forschung, Lenz, den Abgeordneten klarzumachen, welche Bedeutung die Wissenschaft für die Entwicklungsmöglichkeiten und den Existenzkampf einer Nation hat. Aber mehr als zwei Drittel der Abgeordneten blieben der Sitzung fern.

Trotz aller Anstrengungen in den letzten Jahren hat die deutsche Wissenschaft in vielen Disziplinen die Leistungen anderer Länder noch nicht einholen können. Die Rektoren der bayerischen Universitäten sind zwar, wie der bayerische Ministerpräsident Goppel in der Debatte erklärte, in dieser Hinsicht optimistisch, der frühere Bundesminister für Atomenergie aber, Professor Balke, ist "nicht ganz so zuversichtlich".

Beunruhigend war, was man von dem SPD-Abgeordneten Lohmar über das Anwachsen der wissenschaftlichen Elite in der Sowjetunion hörte: dreimal so viel Techniker und viermal so viel Physiker wie in den USA werden dort ausgebildet. Das Reservoir an Begabungen in unserer bäuerlichen und in der Arbeiterbevölkerung wird dagegen bei weitem nicht ausgeschöpft. Nur fünf Prozent aller Studierenden kommen aus Arbeiterkreisen.

Die Hochschulen können die vielen Studenten nicht fassen. Auf die 200 000 Studentenplätze im Jahre 1964 dürften 250 000 Studenten kommen, unter ihnen 20 000 Ausländer. Bundesminister Lenz möchte diesen "Überhang" an Studenten durch eine Verkürzung der Semesterzahl, durch die Einführung von Trimestern (eine sehr umstrittene Anregung), durch neue Hochschulbauten (Bremen, Bochum, Dortmund, Regensburg und Konstanz) und durch eine Intensivierung des Studiums verringern. Zu diesem Zwecke schlägt er Arbeitsgruppen unter der Leitung von Tutoren vor oder gemeinsames Arbeiten in Kollegienhäusern. Durch Zwischenprüfungen sollen ungeeignete Studenten rechtzeitig von der Hochschule entfernt werden.

Alle diese Anregungen setzen freilich voraus, daß eine umfassende Reform des Hochschulwesensdurchgeführt würde. Mit ihr sollten sich die Universitäten beschäftigen. Die Koalitionsparteien verlangten, daß der Wissenschaftsrat im Einvernehmen mit der Rektorenkonferenz und der Forschungsgemeinschaft Vorschläge für eine Reform des akademischen Unterrichts ausarbeiten soll.

Heftig umstritten zwischen Bund und Ländern ist die Finanzierung von Wissenschaft und Forschung. Es geht dabei um die Höhe der Beiträge und um Kompetenzfragen, die durch die föderalistische Struktur unseres Staates kompliziert werden. Die Länder sind nicht abgeneigt, Bundesgelder entgegenzunehmen, Bundeszuständigkeiten in diesem Bereich aber sehen sie nur ungern.