Von Rudolf H. Schlesinger

Schon im ersten Anlauf der parlamentarischen Behandlung sah sich der amerikanische Finanzminister Dillon gezwungen, seine Drohung wahr zu machen und eine Änderung des Kennedyschen Programms der Steuersenkung vorzulegen. Danach soll ein Teil der Steuersenkungen wieder rückgängig gemacht werden, weil starke Widerstände gegen einen Punkt der Steuerreform bestehen. Attackiert von den Gewerkschaften einerseits, die auf kürzere Arbeitszeiten hinarbeiten, und von den Wirtschaftsführern andererseits, versucht die Kennedy-Regierung, ihr Steuerprogramm zur Förderung der Wirtschaftstätigkeit über die parlamentarischen Hürden zu bringen. Unser Mitarbeiter untersucht, welche Einwände von der Wirtschaft kommen. New York, im Februar

Je länger die maßgebenden amerikanischen Wirtschaftskreise Präsident Kennedys Steuerreformpläne überdenken, um so stärker wird auf dieser Seite der Widerstand. Hat man in diesen

Tagen Gelegenheit, mit führenden Vertretern der New Yorker Wirtschafts- und Finanzwelt die Steuerreformpläne zu erörtern, so taucht immer wieder der Vergleich mit einem lange und mühsam vorbereiteten Theaterstück auf, das sich nach seinem Erscheinen auf der Bühne als vollkommener "Flop", als ein Versager, erweist. Der überwiegende Eindruck ist, daß die linke Hand mit den Steuerreformen nahezu alles – und in entscheidenden Fällen sogar mehr – wieder fortnimmt von dem, was die rechte Hand mit der Steuersenkung zu geben gewillt ist.

Sogar das Labor-Management Committee des Präsidenten, in dem die führenden Gewerkschaftskreise ebenso wie die Führer der Geschäftswelt vertreten sind, erklärte Kennedy dieser Tage, daß er mit seinem Steuerprogramm unzufrieden ist. In der Kritik dieses wirtschaftspolitisch wichtigen Gremiums wird vor allem gerügt, daß die diesjährigen Steuersenkungen zu gering sind, um die Wirtschaft tatsächlich stimulieren zu können, und daß sie überdies durch die komplizierten und umstrittenen Steuerreformpläne stark beeinträchtigt werden. Das Labor-Management Committee sprach sich dahin aus, daß die Regierung an der im letzten Herbst vorgeschlagenen Empfehlung festhalten sollte, die Steuern ohne Bedingungen und einschränkende Steuerreformen um zehn Milliarden Dollar zu senken.

Fast überall in Wirtschaftskreisen und seitens der Finanzspezialisten in Wallstreet vernimmt man die gleiche Frage: weshalb mußte die Administration den schweren Fehler begehen, nicht zu allererst die wichtigste Maßnahme zu treffen? Die wichtigste Maßnahme bestand in der Steuersenkung, deren Notwendigkeit Präsident Kennedy seit mehr als drei Monaten immer wieder betont hatte.

Einer der in den Vereinigten Staaten angesehensten Finanzexperten, der vormalige Präsident der Federal Reserve Bank von New York, Allan Sproul, erklärt: "Es ist bedauerlich, daß wir nicht den Vorschlag einer klaren und sauberen Steuerreduktion erhalten haben. Die Reformen sollten ruhig als zweiter Schritt folgen..."