Wenn die Westberliner nach dem Krieg im deutschen Flugverkehr eine Spitzenstellung in den Passagierlisten errungen haben, so hängt dies unbestritten mit der politischen Sonderlage ihrer Stadt zusammen. Fluggesellschaften der drei westlichen Schutzmächte – Pan American World Airways, British European Airways und Air France – haben mit ihrem Liniendienst zwischen der Hauptstadt und den westdeutschen Verkehrsflughäfen bequeme und schnelle Verbindungen mit unterschiedlichem Komfort und Service, sich selbst aber auch geschäftliche Möglichkeiten geschaffen, wie sie sonst kaum gegeben sind. 1962 registrierten die beiden Berliner Verkehrsflughäfen Tempelhof und Tegel 20 876 (i. V. 19 947) Starts und 20 872 (19 948) Landungen mit 984 228 (871 048) abfliegenden und 973 263 (722 839) ankommenden Passagieren. Sie beförderten außerdem in beiden Richtungen über 6,34 (4,68) Mill. t Luftpost und mehr als 9,96 (10,64) Mill. t Luftfracht.

Die als nüchtern bekannten Berliner selbst sind die letzten, die kein Verständnis dafür hätten, daß die nach wirtschaftlichen Grundsätzen arbeitenden Luftverkehrsgesellschaften dabei nicht mit Defizit arbeiten können. Wie Anthoy Milward, der Generaldirektor der BEA, dieser Tage vor Berliner Journalisten erneut bestätigte, liegt die Rentabilitätsgrenze derart relativ kurzer Linien bei etwa 60% Ausnutzung des Platzangebots. 1962 waren durchschnittlich 68 % aller im Berlin-Verkehr verfügbaren Plätze ausgebucht. Nach der Errichtung von Ulbrichts Sperrmauer hielt es der Senat mit Zustimmung der Bundesregierung überdies für richtig, den Hin- und Rückflug von und nach Berlin zu subventionieren, so daß der Fluggast billiger als vorher reiste.

Die Berliner horchten daher vor einigen Wochen auf, als sie die ersten Gerüchte über bevorstehende Flugpreiserhöhungen vernahmen. Wie Mr. Milward jetzt auf drängende Fragen zugab, haben die drei Gesellschaften in sonst nicht üblicher Einmütigkeit ihren Antrag bereits vor einem Jahr gestellt und drängen seit Wochen auf die Genehmigung, obwohl sich ihr Geschäft nicht verschlechtert hat. Selbst Mr. Milward konnte nicht umhin, für seine Gesellschaft im Berlin-Verkehr 1962 noch einen "kleinen Gewinn" einzugestehen. Wie "klein" der Überschuß war, ließ er sich allerdings ebensowenig entlocken wie Einzelheiten der geplanten Tariferhöhung, von denen bisher je nach der Strecke Sätze zwischen 3 und 16% (für die Frankfurt-Route angeblich 20,– DM) durchgesickert sind.

Es war auch nicht zu erfahren, ob der Antrag der drei Gesellschaften Verhandlungsobjekt ist oder ein von den alliierten Luftfahrtattaches den deutschen Behörden zur Unterschrift vorgelegtes Diktat. Die Geheimniskrämerei geht so weit, daß Vertreter des Berliner Senats glaubhaft versichern, selbst ihnen seien Einzelheiten des Antrags nicht bekannt. Den Berlinern jedenfalls, die Bedeutung und Wert ihrer Schutzmächte genau kennen, erscheinen aufmunternde Lobeshymnen auf ihre Standhaftigkeit und Freiheitsliebe einerseits und der diktatorische "Luftgriff" in ihre Geldbörse andererseits schlechthin unvereinbar. G. G.