Rom, im Februar

Ende Januar gab Chruschtschow selber die Anweisung, den 71jährigen Erzbischof von Lemberg und ukrainischen Metropoliten Josef Slipyi, nach 17jähriger Haft freizulassen und ihm einen regulären Paß mit einem Ausreisevisum auszustellen. Diese Geste des Kremlherrn hat nun in Rom die Frage aufgeworfen, ob ihr noch weitere folgen werden: Etwa gegenüber dem seit sieben Jahren in der Budapester US-Botschaft in Zwangsaufenthalt lebenden Primas von Ungarn, Kardinal Mindzenty, oder gegenüber dem Erzbischof von Prag, Josef Beran, der ebenfalls seit Jahren an einem unbekannten Ort in Verbannung lebt.

"Solche Taten könnten", so schreibt die katholisch orientierte römische Zeitung Vita, die als erste die Nachricht von der Freilassung des Monsignore Slipyi brachte, "die Vorläufer anderer positiver Akte sein, die nach so vielen Jahren so wichtig wären, um den Beweis eines aufrichtigen guten Willens zu liefern. Eines guten Willens, der geeignet wäre, den kleinen Spalt, der jetzt aufgetan wurde, weiter zu öffnen, um einen Lichtstrahl einfallen zu lassen."

Mit solchen verklausulierten Wendungen griff das Blatt ein Thema auf, das nicht nur in Kreisen des Vatikans seit langem diskutiert wird: die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Moskau und dem Heiligen Stuhl, an denen vor allem Chruschtschow sehr gelegen zu sein scheint. Den letzten direkten Kontakt vor dem Krieg gab es 1924. Damals sprach der Apostolische Nuntius in Berlin, Eugenio Pacelli, mit dem sowjetischen Außenminister Litwinow über einen modus vivendi. Doch es war vergeblich. Die Sowjets weigerten sich damals, den wenigen russischen Katholiken des lateinischen Ritus – heute etwa drei Millionen Litauer und Letten – und den Ukrainern des orientalischen Ritus – damals rund vier Millionen – eigene Schulen zuzubilligen.

Noch heute gibt es in der Sowjetunion keine Religionsfreiheit: weder die Freiheit der Lehre noch eine freie Bischofswahl, weder einen unbeschränkten Zugang zu den Priesterseminaren noch einen freien Verkehr mit Rom. Ehe diese Fragen nicht geklärt sind, wird es wohl auch kaum zu einer Begegnung zwischen Johannes XXIII. und Chruschtschow kommen, wenn der Sowjetpremier – angeblich noch in diesem Jahr – Staatspräsident Gronchi besucht. Erst kürzlich legte noch einmal der Protokollchef des vatikanischen Staatssekretariats, Monsignore Igino Cardinale, die Bedingungen für die Aufnahme diplomatischer Kontakte zwischen dem Kreml und dem Heiligen Stuhl fest: "In Übereinstimmung mit den Prinzipien, die seine Tätigkeit bestimmen, ist der Heilige Stuhl immer bereit, mit den Staaten zu verhandeln, die diplomatisch? Beziehungen oder Abkommen anderer Art (Konkordate) wünschen – vorausgesetzt, daß du Prärogativen der Kirche respektiert werden: nämlich die Freiheit der Katholiken und du Ausübung der fundamentalen Menschenrechte"

Seit Johannes XXIII. im Vatikan regiert, hat es an Zustimmung von Moskau für "seine Linie" nicht gemangelt. Radio Moskau billigte seine erste Botschaft an die Welt, Chruschtschow bezeichnete den Rundfunkappell des Papstes für den Frieden vom 10. Oktober 1961 als ein "gutes Zeichen". Im November desselben Jahre: kam Chruschtschows Glückwunschtelegramm zu Papst Roncallis 80. Geburtstag. Dann, in der Kuba-Krise, am 25. Oktober 1962, erneuerte der Papst die Beschwörung in einer dramatischer Rundfunkbotschaft: "Wir bitten alle Regierungen, nicht taub zu bleiben für diesen Schrei der Menschheit... Sie mögen fortfahren zu verhandeln. Unterredungen zu fördern, zu begünstigen, zu akzeptieren und zwar auf allen Ebenen und zu jeder Zeit, ist eine Regel der Weisheit und der Klugheit, welche die Segnunger. des Himmels und der Erde herabzieht." Diese Worte wurden unter einer Balkenüberschrift auf der ersten Seite der Prawda veröffentlicht.

Dann wurde Monsignore Willebrands vom "Sekretariat des ökumenischen Konzils für die Einheit der Christen" die Einreise in die Sowjetunion und den zwei Beobachtern der russischorthodoxen Kirche die Ausreise nach Rom bewilligt. Am 10. Dezember 1962 erteilte die sowjetische Nachrichtenagentur "Tass" dem Konzil eine gute Zensur: "Das Konzil hat sich in seiner ersten Session gegenüber den Nichtkatholiken korrekt gezeigt und die Reaktionäre in helle Wut versetzt, die sich von dem Konzil einen Aufruf zu einem antikommunistischen Feldzug erhofft hatten." Und die beiden russischorthodoxen Beobachter erklärten: "Wir waren tief ergriffen von der völligen Freiheit, in der sich die Arbeit des Konzils vollzog... Dieser demokratische Geist, dessen Zeuge wir wurden, läßt uns Gutes für die Zukunft erhoffen.