Es ist wahrscheinlich, daß der Direktor des Geesthachter Gymnasiums, Dr. Rühsen, den Freitod gesucht hat. Ohne Zögern hatte er die Verantwortung für die umstrittene „Dönitz-Stunde“ in seiner Schule übernommen – im Gegensatz zu den eigentlichen Initiatoren. Er ist unter dieser Verantwortung zusammengebrochen.

Dr. Rühsen hat nach der übereinstimmenden Ansicht derjenigen, die ihn kennen, in der Einladung an den Großadmiral a. D. vor allem ein interessantes pädagogisches Experiment gesehen. Er hielt es für gelungen – bis es zu einem Politikum wurde. Die Tatsache allein, daß Dönitz seine – wie nicht anders zu erwarten – höchst subjektiven Auffassungen zu einigen zeitgeschichtlichen Fragen vor Oberschülern darlegte, hätte auch kaum so viel kritische Aufmerksamkeit verdient. Es gäbe sogar gute Argumente für den Versuch, Schülern der Oberstufe, die vorher ausführlich mit den historischen Tatsachen vertraut gemacht worden sind, Gelegenheit zu einer Auseinandersetzung mit einem der führenden Repräsentanten des „Dritten Reichs“ zu geben.

Was die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregte, waren aber die Umstände, unter denen die Geesthachter „Geschichtsstunde“ vorbereitet, durchgeführt und „ausgewertet“ wurde. Dönitz wurde nicht als interessante Geschichtsquelle betrachtet, sondern zum Geschichtslehrer gemacht – für Fünfzehnjährige, die aus dem Mund des Großadmirals a. D. zum erstenmal in der Schule etwas über den Nationalsozialismus erfuhren. Ein zu dieser Schulstunde eingeladener Journalist feierte im Lokalblatt den Führernachfolger als Vorbild dieser Jugend. Und nirgends in Geesthacht regte sich Protest.

Die „Affäre Dönitz“ war damit ein neuer beunruhigender Beitrag zur politischen Soziologie der schleswig-holsteinischen Kleinstadt von heute. Sie führte schließlich zu einer harten Auseinandersetzung zwischen Kritikern und Befürwortern des Dönitz-Unterrichts weit über die Grenzen Geesthachts hinaus. Das politische Lager, zu dem der Geschichtslehrer Dr. Kock sich zählt, führte diese Auseinandersetzung mit verleumderischen Beschuldigungen gegen den schleswig-holsteinischen Beauftragten für politische Bildung, Dr. Hessenauer. Aus dem Meinungsstreit wurde schließlich eine Kraftprobe zwischen den liberalen Kräften der verschiedenen politischen Lager und jenen Schleswig-Holsteinern, für die der Nachfolger Hitlers anscheinend Vorbild geblieben ist.

Opfer dieser Auseinandersetzung wurde der Oberstudiendirektor Dr. Rühsen. Er sah vermutlich in politischer Kritik persönliche, ehrkränkende Angriffe. Der Mut zu dem Risiko, in einem öffentlichen Amt Ungewöhnliches zu tun und damit eventuell auch Fehler zu machen, setzt jedoch in einer Demokratie die Fähigkeit voraus, öffentliche Kritik zu ertragen. Eine der vielen traurigen Folgen der „Affäre“ ist, daß die „Vorsichtigen“ unter den deutschen Lehrern, die „Leisetreter“, nach dem tragischen Schicksal ihres Geesthachter Kollegen sich bestätigt fühlen könnten – zu Unrecht. K. H.