Christian Geißler der sich im Roman "Die Anfrage" gegen die Generation der Väter wandte, hat die Front gewechselt: Das Fernsehspiel "Schlachtvieh" ist ein Warnruf an die Söhne, wach zu sein in der Zeit, zu fragen, die Notbremse zu ziehen, wo es erforderlich ist.

Wir alle sitzen, wenn wir auf die große Katastrophe zusteuern, im selben Boot (so die übliche Metapher): Das Schicksal, das uns erwartet, wird als einheitlich verstanden, ohne individuelle Varianten und Milderungschancen. Geißlers Boot ist ein FT-Zug mit uns (man könnte sagen: den Bundesbürgern) als Reisenden. Der Zug, dessen Türen und Fenster sich nicht öffnen lassen, hält planwidrig an keiner Station, rast auf die Katastrophe zu. Die Insassen beobachten nicht, hören nicht die Durchsagen im Lautsprecher, begreifen den fragmentarischen Stil der Sätze nicht, sind lethargisch aus verschiedenen Gründen. Wer aber die beängstigenden Zeichen versteht und die Notbremse ziehen will, wird von den anderen daran gehindert.

Sah man eingangs Schlachtvieh auf der Weide, so sieht man am Schluß des Fernsehspiels (das der NDR im Ersten Programm ausstrahlte) wieder Schlachtvieh: eine Maschinerie in Aktion. Ein Ochse steht in der Box. Und während ein Sprecher und eine Sprecherin den fatalen Satz "Ruhe bewahren!" leiern, bricht unser Symbol geladener Ochse unter einem Stirnschuß zusammen.

Das ist von Geißler als politische Aktion konzipiert, als ein Versuch, heilsame Unruhe hineinzutragen in das allzu träge Idyll des Wirtschaftswunderdaseins. Der beabsichtigte Affront ist zu bejahen: Übelnehmen werden ihn wohl nur die subalternen Naturen (wo auch immer sie sitzen und wie zahlreich sie auch sein mögen). Nur sollte man ihn nicht als kleine parteipolitische Manipulation, etwa gegen die Bundesregierung, mißverstehen. Die moralische Kraft ist die stärkste Kraft des Autors.

Aber ich befürchte, sie ist nur von mäßigem Effekt. Nicht erst seit Benn wissen wir, daß "gut gemeint" noch keine Kunst ergibt. Sicherlich werden viele Zeitgenossen dem Autor seine Gesinnung zum Vorwurf machen. Sie sollten ihre Vorwürfe aber darauf konzentrieren, daß er seiner Gesinnung nicht den richtigen Nachdruck (sprich Form) zu geben verstand. Nicht etwa jene Züge belasten, die man als eklektisch ansehen und mit Kafka und Ionesco (Nashörner) bezeichnen könnte, sondern das Desastre seiner künstlerischen Technik, die Kapitulation vor den eigenen Symbolen, die Verwechslung von Gag und Einfall, die Intensitätsarmut der Sprache. Es klirrt von Blech, und es ist wohl nur ein geringer Trost, daß das Blech aus Silber ist.

Aber jede Provokation sollte uns willkommen sein, selbst wenn sie künstlerisch nicht zulänglich ist, falls sie nur aus wirklicher Engagiertheit stammt. Schon recht, daß Egon Monk die Inszenierung mit dem Kameramann Horst Schröder wagte. (Das Spiel erschien als Buch im Verlag Claassen, Hamburg; Preis: 4,80 DM.) Vielleicht hätte man im Stil die Dämonie betonen sollen, natürlich ohne Ganghofer-Dramatik, aber doch mit dem kalten Schauder des Gespenstes am Tage. Monk hat dem zur Vordergründigkeit neigenden Stil der Vorlage nicht gesteuert, aber auf dieser Ebene Respekt heischende Arbeit geleistet, vor allem bei der Führung der Darsteller.

Im ganzen bleibt ein Stoßseufzer: Wann werden die Provokationen, die wir doch nicht selten erleben, künstlerisch besser, ja zwingend? Die Kunst hat dabei nicht lediglich die Bedeutung gefälliger dekorativer Zugabe, sondern sie hat die listige, die geheime, die unterschwellige, ja die ganz wesentliche Möglichkeit, Appelle in unserem Gemüt unterzubringen: sie eigentlich hörbar zu machen. R. D.