Die Schweiz lebt über ihre Verhältnisse

Von Rudolf Frei

Zürich, im Februar In den beiden vergangenen Jahren sind die schweizerischen Konsumgüterpreise im Durchschnitt um je 3,5 % gestiegen. Das ist eine völlig neue Erscheinung, denn in den fünfziger Jahren betrug die mittlere Teuerung bloß I,4 % pro Jahr. Die Lohnsätze in der Industrie und im Baugewerbe sind innerhalb Jahresfrist um 6 % gestiegen, die Kleinhandelsumsätze gar um 12 %. Besonders frappant ist die Zunahme der Importe von 9,65 Mrd. Fr. im Jahre 1960 auf II,64 (1961) und rund 13 Mrd. im vergangenen Jahr. Kaum weniger spektakulär hat sich die Ausfuhr entwickelt: 8,13 – 8,82 – 9,6 Mrd. Fr., doch bleibt der Zuwachs deutlich hinter jenem der Einfuhr zurück. Infolgedessen haben sich wachsende Außenhandelsdefizite ergeben, die alles Bisherige weit in den Schatten stellen. Galt der Einfuhrüberschuß von 1960 mit 1,62 Mrd. Fr. bereits als außergewöhnlich, so hat er sich seither auf über 3,4 Mrd. Fr. erhöht und somit mehr als verdoppelt. Die übrigen Posten der Ertragsbilanz vermochten ein solches Loch bei weitem nicht auszugleichen, so daß sich bei den laufenden Zahlungen ein Fehlbetrag von zunächst 900 Mill. Fr. (1961) herausstellte, für das letzte Jahr wird er hingegen von offizieller Seite bereits mit 1,5 Mrd. veranschlagt.

Die schweizerische Volkswirtschaft lebt also deutlich über ihre Verhältnisse. Sie konnte und kann dies vor allem aus zwei Gründen, nämlich dank dem Zustrom von Kapital und von Arbeitskräften aus dem Ausland. Währungspolitische Maßnahmen im Ausland sowie internationale politische Krisen haben zur Repatriierung schweizerischer Auslandsanlagen, zu einem Einstrom von ausländischem Kapital und zu einer entsprechenden Liquidität beim Bankensystem geführt. Der Nettozufluß pro 1962 wird auf über 2 Mrd. Fr. (1961: 2,8) geschätzt. Davon ist ein großer Teil – trotz Abwehrmaßnahmen der Notenbank – zur Finanzierung der Wirtschaftsexpansion verwendet worden, was einer "inflatorischen Spritze" gleichzusetzen ist.

Nur durch diesen für schweizerische Größenverhältnisse enormen Kapitalimport ist es überhaupt erklärlich, daß das Defizit der Ertragsbilanz nicht zu einem Abfluß von Währungsreserven geführt hat. Und nur dadurch fand die Konjunkturübersteigerung nicht schon längst an der Verknappung der Finanzierungsmittel ihr Ende.

Die Elastizität des Arbeitsmarktes war eine weitere Voraussetzung der ständigen Expansion. Seit Jahren ist das Angebot an inländischen Arbeitskräften erschöpft – vermittlungsfähige inländische Arbeitskräfte gibt es schon längst nicht mehr –, so daß immer mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland zugezogen wurden. Von 1959 bis 1962 stieg deren Zahl von 365 000 auf die Rekordhöhe von 654 000.

Werden die Niedergelassenen hinzugerechnet, so bilden die Ausländer innerhalb der Gesamtzahl der Erwerbstätigen einen Block von über 30 %. In einzelnen Wirtschaftszweigen beträgt der Anteil der Ausländer gar 50 % und mehr.