N. A., Madrid, im Februar

Der spanischen Regierung scheint es höchst unangenehm zu sein, daß ihre Außenpolitik so viel Aufsehen verursacht hat. In den Außenministerien Europas und Amerikas spricht man über die "Achse Madrid–Paris–Bonn", über "Spaniens dramatische Rückkehr in die Familie der europäischen Staaten", und man rätselt daran herum, wie wohl der neue Stützpunkt-Vertrag mit den USA ausfallen wird. Man erwartet sogar, daß Spanien bald mit Nachdruck fordern wird, in die NATO und in den Gemeinsamen Markt aufgenommen zu werden.

Für diese Vermutungen sprechen die offiziellen Besuche einflußreicher Franzosen in Spanien – der letzte war der des französischen Generalstabschef General Ailleret.

Rechnet man zu Aillerets Besuch den vorausgegangenen des französischen Innenministers Frey und den folgenden des Außenministers Couve de Murvilles dazu, so ist dieser Gästereigen in der Tat eindrucksvoll. Der Inhalt der Gespräche freilich scheint weniger aufregend gewesen zu sein. Ein Abkommen über die OAS und die republikanischen Emigranten, das möglicherweise die Ausweisung einiger Führer zur Folge hat, ein fruchtloses Feilschen um den Preis französischer Schützenpanzer, vielleicht ein wenig präzises Übereinkommen, nach dem Frankreich einige militärische Anlagen auf den Kanarischen Inseln erhält. Dies alles ergibt kaum eine Achse Paris–Madrid.

Trotz der neuen außenpolitischen Aktivität in Madrid bleibt Spaniens Aktionsradius noch immer noch sehr begrenzt. Spanien wünscht den Eintritt in die zwei Organisationen, die NATO und den Gemeinsamen Markt, aber beide fordern Einmütigkeit ihrer Mitglieder bei der Aufnahme eines neuen Staates. Und für die Nationen Nordeuropas, in denen der Sozialismus stark oder führend ist, ist das faschistische Spanien als Bundesgenosse indiskutabel.

Ebenso würden die "Fünf" (Belgien, Italien, Bundesrepublik, Holland und Luxemburg) zum gegenwärtigen Zeitpunkt jeden Kandidaten für den Gemeinsamen Markt mit äußerster Vorsicht betrachten, der ein Schützling der Franzosen zu sein scheint. Dies wissen die Spanier sehr gut, und sie betrachten ihre Bewerbung um eine Assoziierung mit den "Sechs" zunächst einmal als zu den Akten gelegt.

Es gibt sicher manches, was Amerika und Frankreich von Spanien gern haben möchten. Die Schwierigkeit aber liegt darin, daß sie den Preis nicht zahlen können, den Spanien fordert. Frankreich wäre es sicher nicht unlieb, wenn es mit Spanien ein Verteidigungsbündnis abschließen könnte, das ihm Stützpunkte in Spanien und für das Atomprogramm sichere Uranquellen in Andalusien garantieren würde. Aber die Franzosen können Spanien nicht in den Gemeinsamen Markt hineinbringen, oder Italien, ein Mitglied der "Sechs", daran hindern, Spanien seine europäischen Abnehmer von Wein und Früchten auszuspannen.