Von Wolfgang J. Helbich

Der Stoßseufzer eines bekannten amerikanischen Historikers (mit recht guten Deutschkenntnissen) beim Erscheinen des letzten Buches eines deutschen Kollegen ist authentisch: Jetzt würde ihm, wie vor ein paar Jahren schon einmal, ein ganzer Sommer verdorben. Was der Autor schriebe, sei zu wichtig, um auch nur eine Seite zu überschlagen; aber wie er es schriebe, das mache die Lektüre zur Quälerei.

Daß man ohne Einbuße an wissenschaftlichem Wert auch lesbar und sogar packend Geschichte schreiben kann, bewiesen in unserer Zeit gerade die Angelsachsen in überzeugender Weise. Und nun – man kommt aus dem freudigen Erstaunen gar nicht heraus – zeigen gleich zehn deutsche Historiker und politische Wissenschaftler auf einmal (darunter auch der eben erwähnte deutsche Professor), daß es auch bei uns anders geht –

"Der Weg in die Diktatur 1918–1933", Beiträge von Th. Eschenburg, E. Fraenkel, K. Sontheimer, E. Mathias, R. Morsey, O. K. Flechtheim, K. D. Bracher, H. Krausnick, H. Rothfels, E. Kogon, nach einer Vortragsfolge im Dritten Programm des NDR; R. Piper & Co Verlag, München; 242 S., Paperback, 6,80 DM.

Nicht, daß es sich um zehn gleich gut oder gar brillant geschriebene Essays, ein epochales Ereignis der deutschen Historiographie handelte; aber so viel läßt sich über alle Beiträge sagen: Sie sind sauber aufgebaut, in klaren Worten und ansprechender Form abgefaßt und auch für Nicht-Fachleute ohne weiteres verständlich.

Die Beiträge sind – und hierin liegt ihre besondere Stärke – größtenteils ein Abriß der Ergebnisse, die von den Autoren in meist langjähriger Arbeit (die sich in Hunderten von publizierten Seiten niederschlug) auf ihren speziellen Forschungsgebieten erzielt wurden.

Vor seinem Beitrag über "Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik" veröffentlichte Sontheimer ein gleichnamiges Buch, Mathias schrieb über die von ihm bearbeitete Sozialdemokratie gleich mehrere, Flechtheim veröffentlichte ein Werk über die KPD, Bracher über die Machtergreifung und Rothfels über den Widerstand, und eben diese Themen behandeln die drei letztgenannten im vorliegenden Band. Die meisten von ihnen sind auf den in ihren Beiträgen bearbeiteten Gebieten heute die Autoritäten in Deutschland.