Von Horst Krüger

In unserem Geistesleben grassiert eine gräßliche Mode, die von Jahr zu Jahr schlimmer wird: Es ist der Trick mit der Biographie. Wenn du eine Kontroverse hast, eine andere Meinung, einen Streit in der Öffentlichkeit – laß dich nie auf Argumente, auf eine Polemik zur Sache en. Vermeide jede Auseinandersetzung. Sie ist schwierig, langwierig und nicht einmal zuverlässig in bezug auf den eigenen Sieg. Du mußt statt dessen vom Biographischen her schießen, besser noch: vom Politischen her. Wenn du die katholische Kirche nicht magst, nimm dir nicht die Mühe, solches darzulegen. Enthülle doch einfach, was "die" da alles im Dritten Reich mitgemacht haben. Wenn dir eine Deutung von Stalingrad mißfällt, sage doch einfach, der Autor kommt aus der Zone. Wenn dir die Gruppe VI nicht paßt, sage schlicht: "Die geheime Reichsschrifttumskammer." So etwas wirkt bei uns immer. Drei Worte politisch, sie mögen noch so dumm, noch so absurd sein, wiegen bei uns schwerer als eine Bibliothek von Argumenten. Behaupte nur möglichst laut und überzeugend, der Mann, der dir nicht paßt, sei doch im Grunde ein Nazi gewesen, besser noch: ein Kommunst – man wisse das ja. Dann wird dir nach einer Pause betretenen Schweigens in Deutschland der Sieg sicher sein.

Nein, ich übertreibe nicht, ich beschmutze auch nicht das eigene Nest. Mir ist nur, als ich jüngst das über die "geheime Reichsschrifttumskammer" und später dann etwas anderes über Adorno las, mit einem Male bewußt geworden, welch eine gräßliche Seuche diese Technik politischer Diskriminierung bei uns geworden ist. Unzählige sind heute damit beschäftigt, das, was man im natürlichen Pluralismus der Meinungen austrigen müßte, im Kurzverfahren politischer Tieffliegerei zu erledigen. Es kann dabei nicht absuid genug zugehen: Da werden Juden zu Antisemiten gestempelt und Katholiken zu Nazis, und wenn ich Herrn Kestens Bild der deutschen Literatur recht verstehe, dann gibt es bei uns nicht gute und schlechte Literatur, sondern faschistische und nichtfaschistische, stalinistische und nichtstalinistische. Wußten Sie denn nicht? Der Benn ist doch ein Nazi, der Brecht ein Kommunist! Uralte Traditionen des Polizeistaates leben hier in uns fort. Wir haben keine Polemik. Wir haben statt dessen die politische Denunziation.

Wie solche Technik zur Lebensaufgabe ausgebaut werden kann, das hat uns Kurt Ziesel demonstriert. Das Geheimnis seiner Wirkung beruht in seiner Methode. Ich nenne sie die biographische Methode. Die biographische Methoce sieht nicht den Mann und seine Argumente in der Gegenwart, sie gräbt in der Vergangenheit. Laß ihn nur reden, laß ihn nur alle Trümpfe ausspielen, ich forsche inzwischen in seiner Jugend herum. Wer heute fünfzig oder sechzig ist – was hat der nun nicht alles politisch hinter sich: Den anarchistischen Rausch der zwanziger Jahre, die zwölf Hitler-Jahre, und, wenn er von drüben kommt, noch ein Jahrzehnt unter Ulbricht. Da muß sich doch etwas finden lassen. Es läßt sich, natürlich läßt sich da manches finden. Der Biograph forscht also, wälzt alte Folianten, gräbt vergilbte Zeitungsberge um und fördert mit spitzer Feder zutage! Da kommt dann auch aus der unbewältigten Vergangenheit ein Sätzchen, etwas vermodert, aber doch wiederum frisch genug, um anzuklagen, auf den Tisch. Der gefundene Satz wird gereinigt, poliert, im Längsschnitt aufgeschlitzt. Siehe da, da sitzt ein häßlicher, kleiner, braver Mitläufer drinnen. Der Mann ist nun mühelos zu erledigen. Seine geistige Position heute, seine etwaige Bewährung seit vielen Jahren interessieren nicht. An die Stelle des Argumentes ist die Biographie getreten.

Die Herren von rechts unterscheiden sich da übrigens nicht sonderlich von den Herren von links. Mag man irgendwo in frommen Landen den Brecht oder den Bloch nicht, so finden sich rechte Heckenschützen genug, die flugs über die geistige Leistung solcher Männer hinweg den politischen Bogen spannen und den Pfeil ins Dunkle ihres Lebensweges senden. Sind es doch Kommunisten! Dann werden Gedichte und Ergebenheitstelegramme ausgegraben, und wieder beginnt die biographische Wäsche. Aber der Bogen läßt sich auch umgekehrt spannen: Paßt mir der alte, mächtige Herr nicht, der immer am Samstag so wunderhübsche Feuilletons schreibt, so wird sich doch bald jemand finden, der ihn als "Nazi" entlarvt. Er war’s gewiß nicht. Er war nur wie Ilja Ehrenburg einer, der sich durch alle Zeitläufte sehr tüchtig durchschlängelte; aber da gibt es ein paar Sätze, beschnitten und blankpoliert, die liegen nun auf dem Tisch.

Ich denke nicht daran, wirkliche Nazis zu verteidigen. In der Politik gilt die Politik, und was dort Verbrechen war, kann vor einem inneren Gerichtshof nie verjähren. Aber hier geht es um Literatur und um einen schlechten Stil der Polemik, der sich politischer Tabus nur bedient, um sich um geistige Auseinandersetzungen zu drücken. Hier wird Politik auf die bequemste Weise mißbraucht. Es gibt da auch Dinge, die mich stutzig machen. Die moralische Kraft der Diskriminierung nimmt nämlich auf merkwürdige Weise im Quadrat ihrer geschichtlichen Entfernung zu. Es blüht bei uns heute ein postumer Antifaschismus, der immer tapferer und mutiger wird, je länger das Dritte Reich vergangen ist. Damals nach 1945, als es wirklich noch aktuell und schockierend war, daß und wie einer mitgemacht hatte, war es eigentlich so belastend nicht. Zwanzig Jahre später aber, wo der Nazismus keine politische Macht und Gefahr mehr ist, wächst es zu einer düsteren Gewitterfront zusammen. Zweifellos: im Jahr 2000 wird das, was 1947 noch zu einer Einstufung als "Mitläufer" ausreichte, bequem zu einer öffentlichen Hinrichtung ausreichen. Je weniger politische Wirklichkeit, um so feinfühliger unser politisches Gewissen.

Ich sehe im übrigen ähnliches für unsere roten Abweicher voraus, Schreckliches, möchte ich sagen. Wenn einmal – ist es nur ein Traum? – die DDR zu einer traurigen deutschen Vergangenheit gehört, wenn der rote Spuk auf deutschem Boden längst Erinnerung, düstere Erinnerung ist, so sehr wie heute das Hitler-Reich, dann werden die Ausgraber über die Elbe wandern, in die versiegelten Archive des Neuen Deutschland und des Sonntag eindringen, ihre biographischen Forschungen beginnen, und das, was heute noch verzeihlich ist, wird dann nach Jahrzehnten als grausame Anklage aufstehen. Dann wird es den Herren Exkommunisten erst an den Kragen gehen. Dann wird man ihre Sätze drüben sezieren, aufpolieren, aufschlitzen, und wieder sitzt da so ein gräßlicher Mitläufer drinnen, und wieder werden diese Sätze, vermodert und doch frisch, nun gegen sie geschleudert.