Im Wiener Prater gab es, ehe er von Raketen und Mondflugzeugen erobert wurde, ein gemein harmloses Etablissement, in dem der Vergnügungshungrige auf zwei gegeneinander ruckenden und zuckenden Brettern seinen Weg finden mußte, ehe er der Wonnen von Rutschbahn und rollenden Teppichen teilhaftig wurde. Diese Bude nannte sich Wigl-Wogl, was mit "Wickelwackel" nur sehr unvollkommen in die deutsche Hochsprache zu übertragen ist. Unter "Wigl-Wogl" versteht der Wiener überdies jeden labilen Seelenzustand ("im Wigl-Wogl sein"), also mehr oder weniger jenen Seelenzustand, in dem er sich am wohlsten fühlt. Dies muß man wissen, um von einem neu erschienenen Buch zumindest den Titel lesen zu können. Es nennt sich

"Wigl-Wogl", herausgegeben von Hermann Hakel; Forum Verlag, Wien; 366 Seiten, 19,80 DM

und will die Entwicklung von Kabarett und Varieté in Wien durch Leseproben und Illustrationen etwa aus den letzten zwei Jahrhunderten belegen, faßt aber den Begriff recht weit, so daß dabei etwa eine Darstellung des Brettl-Geistes diesseits und jenseits der Brettl-Rampen herauskommt, also auch noch Autoren wie Theodor Kramer, Herzmanovsky, Weinheber, ja, sogar Adalbert Stifter hier Platz finden. Das hebt mit Harfenistenliedern an, führt über Nestroy und Saphir zu Roda Roda, zu Farkas und Grünbaum, schließlich über Qualtinger und Kreisler zu den jüngsten Sprossen des Wiener Kabaretts, die sich als "Wedeln" zusammengeschlossen, teils schon wieder auseinandergelebt haben. Das alles könnte von rein lokaler Bedeutung sein, wenn nicht gerade in Wien vom Kabarettistischen immer wieder eine so unberechenbare Strahlung ausginge: einmal in die Literatur, einmal ins Theater und sehr häufig über die rotweißroten Grenzpfähle hinaus. Qualtingers "Herr Karl" etwa ist ein solches illegitimes Kind aus dem Brettl-Keller, desgleichen auch der schwarze Nachtmahr-Humor Georg Kreislerscher Chansons. Und diese anregende Wirkung des Bazillus kabaretticus Viennensis wird in Hakeis Buch deutlich sichtbar.

Dabei läßt sich gegen seine Machart etliches einwenden. Es bietet zwar eine auch den Sachkundigen überraschende Fülle von unbekanntem und schwer zugänglichem Material, aber es bietet sie im Rohzustand an: Kein Quellennachweis, keine Angaben über Ursprung, erste Aufführung oder erstes Erscheinen, nicht einmal biographische Angaben ergänzen das reiche Angebot. Wenn also dergestalt nur eine Art Lesebuch entstanden ist (mit vielen zu klein reproduzierten zeitgenössischen Stichen), spürt man doch, daß aus dem vollen geschöpft wurde, daß humoristische Begabung hier in orientalischer Üppigkeit durcheinanderwuchert, daß das fruchtbare Völkergemisch der alten Monarchie mit seinen jüdischen und balkanischen Komponenten zumindest im Kabarettkeller immer noch weiter Früchte trägt.

Wer hätte etwa in Nestroy einen Ahnherrn Ionescos vermutet? Eine hier wiedergegebene Einlage zu "Tritsch-Tratsch" knüpft den locker assoziierten Nonsens zum virtuosen Gewebe, zu einer Art Ionestroy, wie ja überhaupt der gebürtige Rumäne dem balkanisch gefärbten Kabarett mehr zu danken hat, als der deutsche Tiefsinn einzuräumen bereit ist. Daß Karl Kraus (der in dieser Auswahl seltsamerweise fehlt) in den "Letzten Tagen der Menschheit" zu einer kabarettistischen Apokalypse vorgestoßen ist, bekundet die in Wien legitime Ausstrahlung des Brettl-Geistes in die Literatur. Die Wirkung ins Journalistische wird hier durch Polgar, Friedell und Anton Kuh belegt. Es werden also nicht nur verloren geglaubte Preziosen von Grünbaum, Roda Roda oder Armin Berg gesammelt, sondern es wird eine Art Pan-Kabarettismus des schreibenden Wien belegt.

Darum wird dieses "Wigl–Wogl" dort am interessantesten, wo es an die Gegenwart heranreicht. Um 1930 setzte in Wien eine Hochblüte der antinazistisch orientierten Kleinkunst ein, die sich – als Abgrenzung gegen die marktgängigen Amüsierbetriebe – "literarisches Kabarett" nannte, obwohl es mit Literatur wenig zu tun hatte und besser "intellektuelles Kabarett" hieße. Ein Ableger dieser Frühblüte hat als "Wiener Werkel" seine Portion Antinationalsozialismus sogar während der Kriegsjahre immer noch an den Mann zu bringen gewußt. In den Nachkriegsjahren entstand allmählich jenes sich immer wieder wandelnde Wunderteam mit dem bitterbösen Phlegmatiker Qualtinger, dem Sänger schwarzen Humors Georg Kreisler, mit Bronner, dessen "Der Papa wird’s schon richten" den Sturz eines Ministers heraufbeschworen hat, und mit Carl Merz als Conferencier. Während vergleichbare deutsche Kabarettensembles vorwiegend links orientiert waren, zielte die Opposition der Wiener Kabarettkeller auf die schwarzrote Koalition mit ihren (allerdings kabarettreifen) Proporzblüten.

Die nouvelle vague des Wiener Kabaretts hat inzwischen ganz neue Namen ins Spiel gebracht, von denen hier etwa Orthofer mit einer Fernsehwerbeszene "Senil bleibt Senil" oder Lodynski mit seiner makabren "Ballade vom kopflosen Hirn" vertreten sind. Inzwischen hat Qualtinger den Weg zum Theater eingeschlagen, H. C. Artmann hat als Lyriker einen so eigenartigen Band wie "Med ana schwoazn Dinten" (Mit einer schwarzen Tinte) herausgebracht. Erstaunlich bleibt, daß das Wiener Kabarett, obwohl es unablässig alle Nachbarkünste speist, den Blutverlust immer wieder verwindet und in neuer Frische ersteht. Otto F. Beer