Von Otto Köhler

"Schier unmöglich scheint es selbst den Dichtern, die Atmosphäre dieser Stadt in Worten begreifbar zu machen..."

Aus einem Prospekt des Werbeamt Würzburgs

Nein, das Werbeamt zu Würzburg irrt. Es gab Dichter, deren längst geschriebenes Wort noch heute die Atmosphäre dieser Stadt begreifbar macht: Walther von der Vogelweide – der vielleicht neben dem Dom begraben liegt – mit Versen, die genau auf Würzburg geschrieben zu sein scheinen, auch wenn sie oft einen anderen Anlaß hatten. Und: Heinrich von Kleist mit Briefen, die er einst während eines Besuchs in Würzburg schrieb. Und noch ein anderer, nicht eigentlich ein Dichter, sondern ein nüchterner Verwaltungsfachmann, hat in einem Frühwerk viel von der Atmosphäre Würzburgs anklingen lassen; ich meine Helmuth Zimmerer, gegenwärtig Oberbürgermeister dieser Stadt, dem im Jahre 1936 seine grundlegende Dissertation über "Rasse, Staatsangehörigkeit und Reichsbürgerschaft" die Doktorwürde einbrachte.

Walther von der Vogelweide, Kleist und Zimmerer muß man lesen, um diese Stadt zu begreifen. –

Würzburg, den 14. September 1800

Nirgends kann man den Grad der Kultur einer Stadt und überhaupt den Geist ihres herrschenden Geschmacks schneller und doch zugleich richtiger kennenlernen, als in den Leihbibliotheken.