Von Theo Sommer

Der Amtssitz des britischen Ministerpräsidenten steht leer. Ein Bauzaun umgibt das Grundstück Downing Street 10; Gerüste verunzieren die ehrwürdige Klinkerfassade; dahinter wird gehämmert, gezimmert, gemörtelt. Harold Macmillan amtiert derweil zwei Straßen weiter in der Admiralität. Es wird freilich immer zweifelhafter, daß er noch einmal in die Downing Street zurückkehrt. Ein anderer Harold, so scheint es im Augenblick, hat die besseren Chancen, in die umgebaute Premiers-Residenz einzuziehen: Harold Wilson, der neue Führer der Opposition.

In der vorigen Woche hat die Labour-Fraktion des Unterhauses den Sechsundvierzigjährigen mit 144 gegen 103 Stimmen zum Nachfolger Hugh Gaitskells gewählt. Zuvor hatte es einen harten Kampf zwischen ihm und dem stellvertretenden Oppositionsführer George Brown gegeben. Am Ende machte Wilson das Rennen – doch nicht etwa weil seine Tugenden größer, sondern vor allem, weil seine Mängel geringer zu sein scheinen als die seines Rivalen, der alle Welt "Bruder" anredet und bei dem man nie genau weiß, ob er sich nicht nach dem zweiten Glas Whisky zu den peinlichsten Entgleisungen hinreißen läßt.

Gewiß ist Harold Wilson der wirksamere Stimmenfänger; die jüngsten Gallup-Umfragen haben daran keinen Zweifel gelassen. Darauf aber kommt es jetzt, da die Parlamentswahlen dicht vor der Tür stehen, vor allen Dingen an. Im Oktober 1964 geht die gegenwärtige Legislaturperiode zu Ende, und Macmillan wird vermutlich im Frühjahr 1964 wählen lassen. Wenn die Labour Party dann die Konservativen auf die Oppositionsbänke drängen will, braucht sie die Stimmen des Mittelstandes und der Intellektuellen. Diese Stimmen jedoch sind dem ehemaligen Oxford-Don Wilson sicherer als dem Gewerkschaftler Brown, der den Habitus des Proletariers nie ganz hat abstreifen können. Auch wirkt Wilson auf dem Fernsehschirm gefälliger, einnehmender als sein polternder Rivale ("Jedesmal, wenn Brown im Fernsehen auftritt, verliert Labour hunderttausend Stimmen behaupten Londoner Lästerzungen).

Seine Werbewirkung gab denn wohl den Ausschlag bei Wilsons Wahl. Über seine Amtseignung ist damit allerdings noch nichts gesagt. In der Tat wird sie ihm von vielen Engländern abgesprochen, auch von vielen Labour-Leuten. Niemand zweifelt an seiner Intelligenz und an seinen administrativen Fähigkeiten, aber seine charakterliche Gediegenheit, seine politische Geradlinigkeit wird immer wieder in Zweifel gezogen. Hirn, nicht Rückgrat scheint ihn vor allem auszuzeichnen.

Harold Wilson ist der Sohn eines kleinen Werkchemikers; er stammt aus Yorkshire, dessen Dialekt noch heute seine Sprache färbt. Staatliches Gymnasium, Stipendium für Oxford, am Jesus College ein brillantes Studium der politischen Wissenschaften, der Philosophie und der Nationalökonomie, mit 21 Jahren Dozent – er machte Karriere mit seinem präzis funktionierenden Gehirn. Bei Kriegsausbruch wurde er in die Verwaltung geholt, erst als Kabinettssekretär, dann als Direktor des Statistischen Büros im Energieministerium. 1945 kam der sozialistische Wunderknabe ins Parlament, zwei Jahre später avancierte er zum Handelsminister. Mit 29 Jahren war er das jüngste Kaoinettsmitglied seit William Pitt.

Damals schon wurde klar, wo Wilsons Stärke liegt: im Analysieren, im statistischen Bestandsaufnahme-Denken. "Er ist der langweiligste kluge Mann, der mir je begegnet ist", sagte mir einer seiner Kritiker innerhalb der Labour Party. Einer seiner treuesten Gefolgsleute bestätigte das mit anderen Worten: "Er hat einen superben Intellekt – aber es ist ein phantasieloser, kein schöpferischer Intellekt. Immerhin: Harold hat keine Angst vor Experten. Er quetscht sie unerbittlich aus und weiß sie wie Kennedy richtig einzusetzen. In dieser Hinsicht machen ihm weder die Minderwertigkeitskomplexe der Proletarier noch die Arroganz der Eton-Sozialisten zu schaffen. Aber seine Politik werden immer andere für ihn formulieren müssen .."