Wie leben und leiden die Intellektuellen in der DDR? – Ein Reisebericht von Robert Neu mann

Robert Neumann hat vor kurzem eine Reise in die DDR unternommen – er selber spricht von einer "Reise in den Fernsten Osten". Einige Eindrücke vom kulturellen, vom literarischen Leben im anderen Deutschland hat er in der letzten Ausgabe der ZEIT geschildert. Diesmal beschäftigen ihn politische Aspekte. Neumann geht davon aus, daß in der DDR – wie in anderen europäischen Ländern auch – von hundert Menschen nur etwa zehn an der Politik interessiert sind. Was hat es auf sich mit dieser Minderheit, wie lebt sie und wie leidet sie? In Ostdeutschland bilden diese zehn Prozent

keine organisierte politische Gegnerschaft, aber sie leiden – etwa so schwer wie alle Deutschen litten, kurz nach dem Krieg; wie ja überhaupt Ostberlin auf eine gespenstische Weise den Eindruck von "Deutschland 1948" macht. Nun geht heute die Leidensfähigkeit einer Menge sehr viel weiter als 1948, ohne daß sie zu revolutionären (oder, um nicht mit meinen ostdeutschen Freunden über Worte zu streiten, zu konterrevolutionären) Maßnahmen bereit wäre. Die "Mauer" hat diese Leiden zwar verschärft, aber die Erinnerung an Kriegsnot und Kriegsende steht diesen Menschen Tag um Tag so plastisch vor Augen, daß sie, glaube ich, einen Frieden mit vielen Entbehrungen jedem Abenteuer einer gewaltsamen Auflehnung vorziehen werden – es wäre denn, sie würden von außen her in eine solche gedrängt. Und da sei Gott vor, denn das wäre der große Krieg.

Die Regierung Ulbrichts ist nur von innen her reorganisierbar, durch die stetig nachrückenden jüngeren Leute in der Partei, im Zug eines "Tauwetters", das auch hier existiert, aber zehnmal langsamer ist als in Warschau und auch noch fünfmal langsamer als im Moskau Chruschtschows. Es ist ein nervenaufreibend zähflüssiger Liberalisierungsprozeß in der DDR, aber ein unaufhaltsamer. Schneller geht es nicht, versichert man mir, denn erstens bewege man sich im Starkstrom des west-ost-deutschen Spannungsfeldes; und zweitens habe es nie einen "echten", blutigen, den Gegner um einen Kopf kürzer machenden Stalinismus gegeben, nur einen ",schleichenden" (im anderen Lager entsprechend dem Unterschied zwischen Hitler und Salazar), und darauf gebe es eben nur eine unblutige, evolutionäre Antwort, eine sozialdemokratische oder bürgerliche Antwort im Grunde, ein "Aussterbenlassen" – die undramatischste Form der Bewältigung einer Vergangenheit.

Sie führt zu einem Zustand der ständigen, hintergründigen, nie ausgesprochenen, nie zugegebenen Fluktuation im Bezirk der Macht. Ich habe das Gefühl gewonnen, daß unter all diesen ausgezeichneten Kommunisten viele von vielen nicht mehr genau wissen, wo sie noch stehen, wo sie schon stehen. Das Ergebnis ist eine große Unsicherheit, ein Tasten im Nebel. Eine Atmosphäre etwa wie in Kafkas "Prozeß" – wer ist angeklagt, wessen ist man angeklagt, ist man überhaupt angeklagt?

Es ist letzten Endes das alte gesamtdeutsche Problem der Zivilcourage. Da ich mit einer sozusagen offiziellen Mission komme und einen sehr ungewöhnlichen, den Gepflogenheiten des Landes durchaus widersprechenden Wunsch ausspreche, finde ich unter acht Menschen sieben mehr oder minder Sichverflüchtigende – aber der achte sagt: "Warum eigentlich nicht? Wollen sehen, ob sich das machen läßt." Wobei sich dann herausstellt, daß der Nebel sich teilt, der Druck, die Gefahr haben nur in der Vorstellung der Ängstlichen existiert, sie hätten sich gar nicht verflüchtigen müssen. Sieben Ängste – einmal Zivilcourage: Ist das Verhältnis schlechter als im westlichen Deutschland unter Lehrern, Beamten, Rundfunkangestellten, Gehaltsempfängern jeder Art?

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