Von Ernst May

Der Deutsche Städtetag hat dieser Tage in Hannover eine alarmierende Denkschrift veröffentlicht. Titel: Die Verkehrsprobleme der Städte. Stadtplaner und Verkehrsfachleute malen darin mit wissenschaftlichen Analysen, Zahlen und Voraussagen ein grausiges Bild: Unsere Städte drohen am Verkehr buchstäblich einzugehen. 63 Milliarden Mark wären in den nächsten zehn Jahren notwendig, um das Chaos zu verhindern, und obwohl 76 Prozent aller Straßen im Bereich von Ortschaften liegen, sieht der Bund bisher nur fünf Prozent seines Straßenbauetats dafür vor – und das müsse anders werden. Da sich der Kraftverkehr mit einem durchschnittlichen Verkehrsradius von nur acht Kilometern zu 85 Prozent in den Städten und ihrer nahen Umgebung abspielt, heißt die allgemeine Devise: Hochstraßen, Tunnel, Parkhäuser. Und gerade dies, sagt Professor May, sei keine Lösung. Hier die unpopulären Vorschläge des Architekten und Städteplaners.

Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit – so lautet Artikel 2, Absatz 2, des Grundgesetzes der Bundesrepublik. Im Jahre 1961 wurden in dieser Bundesrepublik 14 500 Menschen bei Straßenunfällen getötet und 474 000 (also etwa soviel wie die gesamte Bevölkerung der Stadt Nürnberg) verletzt oder Bevölkerung In Zahlen nicht erfaßbar sind die Folgen der durch die heutige Motorisierung hervorgerufenen Schäden an der menschlichen Gesundheit durch nervenüberfordernden Lärm und durch giftige Abgase der Motorfahrzeuge.

Wie verträgt sich das mit dem Grundgesetz?

Gießt ein Mensch in einen bis zum Rande gefüllten Krug Weines noch mehr Wein hinzu, so daß das Getränk vergeudet wird, dann erklären daß ihn für geistig gestört. Übertragen wir dieses Beispiel auf den Verkehr, so stellen wir fest, daß in einen bis zum Rande gefüllten Verkehrsraum fortgesetzt sinn- und planlos Tausende neuer Motorfahrzeuge eingeschleust werden. Mit Stolz liest der Bürger in der Tagespresse, daß ein Automobilwerk täglich 5000 Wagen herstellt, andere allein 1000 Einheiten eines Typs produzieren.

Niemand denkt über die Folgen dieses Vorganges nach, niemand stößt sich daran, daß Milliarden unseres Volksvermögens verausgabt werden müssen, um diese Flut von Verkehrsfahrzeugen zu bewältigen. Dabei ist es nicht unbekannt, daß unsere Verkehrsfachleute für das Jahr 1970 vorausgesagt haben, daß sich die Zahl der Personenautos verdoppeln werde – was bedeutet, daß das Chaos, das sich jetzt in unseren Städten auf die Spitzenstunden beschränkt, zu Verkehrsstockungen auch in anderen Tageszeiten führt.

Sinn des Autos war ursprünglich und ist noch heute, den Menschen schneller zu befördern und ihm damit eine größere Leistung auf seinem Arbeitsgebiet zu ermöglichen. Was ist geschehen? Wir bewegen uns heute in den innerstädtischen Zentren mit dem Motorfahrzeug wesentlich langsamer von der Stelle als in unseren Kindertagen mit der Pferdebahn. In vielen deutschen Großstädten ist das Tempo des Verkehrsflusses auf acht bis zwölf Kilometer in der Stunde gesunken, in den Spitzenzeiten noch wesentlich tiefer. In der City von New York kann man sich oft nur noch mit drei Kilometern je Stunde fortbewegen; in Tokio beträgt die Verkehrsgeschwindigkeit zwei Kilometer und weniger. Vor zwei Jahren habe ich einen Film drehen lassen, der den Wettstreit zwischen einem Auto und einem Fußgänger zum Gegenstand hatte, die sich nachmittags um fünf Uhr von der Lombardsbrücke in Hamburg zur Universität bewegten mit dem Ergebnis, daß der Fußgänger anderthalb Minuten vor dem Auto an seinem Bestimmungsort eintraf.