Von H. M. Nieter O’Leary

Nieter O’Leary ist Ire von Geburt, Berliner seit seiner Studienzeit, Londoner, weil er dort wohnt. Er kennt seine Stadt und ruft zu einem Lehrgang, betitelt: „London für Anfänger“. Der amüsante Kursus erscheint im Frühjahr, gedruckt und gezeichnet, im Diogenes-Verlag, Zürich. Wir geben eine Kostprobe auf kommende Genüsse,

Im Gewebe der City, mit ihren alten Portlardsteingebäuden, recken sich in ganzen Straßenzügen, auch gläserne Hochhäuser. Aber trotz aller Neuerungen wird zähe an der Tradition festgehalten. Tradition kann künstlich bewahrt werden, um den Touristen Kameraobjekte zu bieten oder, wie hier, Teil des nationalen Lebens zu sein. Ohne jegliches Aufsehen, in ganz natürlicher Folge, werden Gebräuche erhalten, deren Ursprung vom Nebel der Zeit verhüllt ist. So muß die City für alte Rechte dem Lord Chancellor alljährlich sechs Hufeisen und die dazugehörenden Hufnägel überreichen. Weil im 14. Jahrhundert eine Patrizierfrau ohne Erlaubnis einen Fußsteg über einen Bach legen ließ, müssen die Nachkommen bis auf den heutigen Tag als Buße dem Lord Mayor eine frisch gepflückte Rose darbringen. Zeitverschwendung? Vielleicht – aber wie schade, wenn in unserem vermaledeiten Zeitalter alle farbigen Lichter ausgelöscht würden. Wenn Sie daher Jungen in langen blauen Kutten und knallgelben Strümpfen sehen, sind es Schüler der Schule von Christ’s Hospital, die 1553 gegründet wurde. Würdige, aber eilige Männer in lila Gehröcken und Zylinder sind Boten der Bank of England, und über die vielen steifen Hüte – Bowlers – dürfen Sie sich nicht wundern. Die Glocken gehören zum Cityanzug wie die Bärenfelltschakos Uniform der königlichen Garde.

Interessant ist die City auch während der Mittagsstunde. Beinahe alle Kirchen sind geöffnet und veranstalten sogenannte Lunchtime Concerts. Hier sitzen Bankdirektoren, Bürolehrlinge und Stenotypistinnen friedlich vereint, essen ihre Sandwiches und hören Orgel- oder Kammermusik. Auch die Kunstausstellungen der City, die in den Börsen und der Guild Hall abgehalten werden, sind gut besucht. Das am anderen Themseufer liegende kleine Mermaid Theatre gibt kurze Vorstellungen von Auszügen aus klassischen Stücken. Wenn die mittäglichen Musen sie geküßt haben, gehen die Cityleute wieder an ihre Konten und Schreibmaschinen, bis der abendliche Exodus beginnt. Obgleich die Männer immer noch stark überwiegen, erobern sich die Frauen leichten Schrittes die City. In diesem maskulinen Reservat war früher die Mittagszeit allein dem Gambrinus und dem Roastbeef geweiht, und Musik kam nur von den Schiffen auf der Themse, deren Sirenen den Verkehrslärm kontrapunktisch begleiteten. Bestimmt war es der zarte Einfluß der Weiblichkeit, der den Musen den Weg zur City öffnete. Auch sonst machen sich die Damen bemerkbar. In den Büros, die bisher nur nach alten Kontobüchern, Tabakqualm und ehrwürdigen Chefs rochen, wird das männliche Aroma durch etwas Parfumduft aufgefrischt, und ein leicht romantischer Hauch wagt sich in den Bereich von Tradition und Härte. Die City ist glashart und duldet weder Schwächlinge noch Erfolglose. So wie bei dem Verlust eines Schiffes die Glocke bei Lloyds ertönt, so kündet die Börsenglocke einen Bankrott an. Ob Schiffsverlust oder Bankrott, die City ist realistisch und drückt beide Ereignisse in nüchternen Zahlen aus. In harten Jahrhunderten entwickelte sich die City im Kampf mit der Umwelt, und selbst mit den eigenen Monarchen. Als Zeuge der Vergangenheit steht der Tower in der Gemarkung der City. Die Festung, die behütete oder bedrohte, je nachdem wie die Könige gerade mit den Londoner Bürgern standen.

Jetzt ist der Tower eine Mischung von Museum, Garnison, Tresor der Kronjuwelen und historischer Wallfahrtsort. Angesichts der Hinrichtungsstätte der Staatsgefangenen überrieselt den Besucher ein geschichtlicher Schauer. Hier wurde auch Anne Boleyn, eine der Frauen Heinrichs VIII., enthauptet. Auf diese Art wollte der König die Scheidungskosten sparen. Jetzt schreiten nur einige Raben gravitätisch um den Richtplatz. Angeblich sind es Nachkommen der Raben, die früher um den Galgen flogen und sich an gehenkten Piraten kulinarisch betätigten. Der Tower beherbergt auch die kleine Truppe königlicher Hellebardiere, die Beefeaters. Der Name ist eine Korruption von: „Bufetiers“. Die Beefeaters sind noch in der Tracht des 16. Jahrhunderts gekleidet und geben durch ihre Anwesenheit den Staatsakten den nötigen Ernst.

Unweit vom Tower spannt sich die Tower Bridge über die Themse. Man kennt sie aus unzähligen Wochenschauen, aber hier steht die Brücke im Original und ist eifrig dabei, Schiffe durch die geöffneten Baskülen durchzulassen, nach London oder zur Freiheit der Meere. Hier ist der Schnittpunkt der Weltmärkte und letzten Endes die Quintessenz der Daseinsberechtigung der City of London.

Napoleon nannte, die Engländer einmal ein Krämervolk. Wenn er jedoch die Engländer von heute gekannt hätte, würde er sie als ein Volk von Shoppers bezeichnet haben. Die großen Einkaufsstraßen sind das tägliche Ziel der Frauen aus den Vororten, die hier Kauforgien feiern. In dichten Scharen schlendern sie an den Schaufenstern entlang. Die Oxford-Street-Geschäfte und Kaufhäuser gleichen sich dem kleinbürgerlichen Geschmack an, während die Regent Street für gehobeneren Schönheitssinn und größere Banckonten Interesse hat. Sollten hübsche Leserinnen dieses Buch erworben oder entliehen haben, sei ihnen warm empfohlen, das Warenhaus von Liberty zu besuchen. Es ist einzigartig und wird noch im Stil verflossener Zeiten geführt. Besonders schöne Textilien werden in Truhen aufbewahrt und wie Kostbarkeiten hervorgeholt.