Zweimal in kürzester Frist beehrte der neue Bundesschatzminister, Dr. Werner Dollinger, den bundeseigenen Salzgitter-Konzern mit seinem Besuch. Prompt wurden denn auch in der Öffentlichkeit wilde Privatisierungsspekulationen angestellt, als ob dieses unterkapitalisierte, hochverschuldete und mit mannigfaltigen Risiken behaftete Unternehmen ein geeignetes Objekt sein könnte, um der Bundesregierung neue Privatisierungsehren einzutragen.

Und doch, auch hier ist ein Körnchen Wahrheit – wie es Spekulationen nun einmal so an sich haben. Daß sich Dollinger ernsthafte Gedanken darüber macht, wie im bundeseigenen Unternehmensbereich neue Konzerngruppierungen vorgenommen werden können, ist kein Geheimnis mehr. Staatskapitalismus par excellence? Nein. Dem Bundesschatzminister geht es vielmehr darum, die vielfach nicht organisch gewachsenen Bundeskonzerne so umzugestalten, daß sie attraktiver und damit auch privatisierungsfähiger werden. Das ist zweifellos ein guter Gedanke, der – wird er in vernünftiger Weise realisiert – die Bonner Privatisierungspolitik aus ihrer derzeitigen Sackgasse herausführen könnte.

So verfügt beispielsweise der Salzgitter-Konzern über Kohlenzechen, über die die Verwaltung alles andere als glücklich ist. Nur rund ein Drittel der konzerneigenen Kohlenförderung dient dem Selbstverbrauch; der hohe Anteil der Steinkohlenzechen am gesamten Konzernvermögen belastet die Ertragsseite erheblich. Was läge da näher, als die „überflüssigen“ Kohleninteressen aus dem Konzern herauszulösen und dort unterzubringen, wo sie sinnvoller am Platze wären?

Hier bietet sich eine Zusammenfassung mit den übrigen Zechengesellschaften des Bundes förmlich an – und dies nicht nur aus Gründen der späteren Privatisierung. Mit einer solchen „Konzentration“ könnte auch ein wertvoller Beitrag zur Gesundung des westdeutschen Kohlenbergbaus geleistet werden, dessen Zersplitterung in mehr als vierzig Zechengesellschaften nachgerade ein Unglück ist.

Ministerialdirektor Kattenstroth, der früher die Abteilung III (Bergbau, Energie, Eisen und Stahl) des Bundeswirtschaftsministeriums leitete und jetzt im Bundeskanzleramt Abteilungsleiter für Wirtschafts- und Finanzpolitik ist, hat hieraus nie einen Hehl gemacht. Seine Vorstellungen gehen dahin, den westdeutschen Kohlenbergbau auf etwa ein Dutzend leistungsstarker Zechengesellschaften zu arrondieren. Ginge der Bund mit einem guten Beispiel der Arrondierung voran, könnte sich die private Kohlenwirtschaft – wollte sie nicht hoffnungslos ins Hintertreffen geraten – einer solchen mit Rationalisierung, Stillegung und Modernisierung verbundenen „Sanierung“ schwerlich länger verschließen.

Konkret: die Kohlenzechen des Salzgitter-Konzerns – und nur sie – werden in die Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG (VEBA) eingebracht, wo sie sich in guter schwesterlicher Nachbarschaft mit der Hibernia, der drittgrößten Zechengesellschaft des Bundes, befinden würden. Des weiteren wird die Hugo Stinnes AG von der VEBA aufgenommen. Die dritte in diesem Kohlenbunde wäre dann deren Tochter, die Matthias Stinnes AG. Das wäre ein Bergwerkskomplex, mit dem es sich trefflich rationalisieren ließe.

Soweit der energiepolitische Aspekt einer solchen Transaktion. So bestechend sie auch anmutet, so wenig läßt sie sich realisieren, wenn nicht gleichzeitig eine Privatisierung der VEBA in Aussicht genommen wird. Eine derartige „Konzentration“ würde nur dann den Segen der Politiker und jenes Bankenkonsortiums unter Führung der Deutschen Bank finden, das die Hugo Stinnes AG aus den USA „zurückholte“, wenn sie unter der Fahne einer breitgestreuten Eigentumsbildung segeln würde.