Washington, Ende Februar

Amerika hat eine neue Erfindung gemacht: den Fußgänger. Mein täglicher Weg aus Bethesda im Staate Maryland nach Washington hinein führt am Potomac entlang. Zwischen Fahrstraße und Ufer ziehen sich einige alte Pfade durchs Gebüsch. Seit Jahren gehen wir mit den Kindern und Hunden dort gelegentlich ungestört spazieren. Aus ist die Idylle. Von morgens acht bis zum Anbruch der Dunkelheit kann man jetzt Marschkolonnen von Sekretärinnen der Behörden, Offiziere in Zivil, Pressechefs und Minister flußauf- und -abwärts strömen sehen.

Das kam so: General Shoup, Kommandeur der „Ledernacken“, der legendären Marine-Infanterie, entdeckte eine Anordnung des Präsidenten Theodore Roosevelt aus dem Jahre 1908, wonach jeder Offizier der „Marines“ imstande sein sollte, 50 Meilen (80 km) innerhalb von zwanzig Stunden auf seinen eigenen Füßen zurückzulegen.

Shoup schickte das Dokument ins Weiße Haus; Präsident Kennedy las mit Wohlgefallen, daß sein Amts Vorgänger „Teddy“ genausoviel von der körperlichen Ertüchtigung seines Volkes gehalten hat wie er selber – JFK schwimmt täglich zweimal im Pool des Weißen Hauses. Er befahl dem General festzustellen, ob seine Offiziere auch im Zeitalter des Automobils noch so gut zu Fuß seien wie die Marine-Infanteristen vor 50 Jahren.

Eine Lawine von Gewaltmärschen war ausgelöst. Des Präsidenten Bruder „Bobby“ legte selber unverzüglich Wanderschuhe an und „machte“ auf unserem Pfad am Potomac tatsächlich 80 km in 20 Stunden – eine beachtliche infanteristische Leistung. Viele seiner Weggefährten gaben übrigens auf, und Held „Bobby“ wurde denn auch gebührend durch die Zeitungen gezogen, auf dem heimischen Sofa sitzend, in weißen Socken und glücklich erschöpft. Pierre Salinger, des Präsidenten Pressezerberus, war nicht ganz so tüchtig; sein Arzt riet ab, denn Pierre ist einfach zu fett und raucht zu viele Zigarren. Einige Reporter, die ihn begleiten wollten, kehrten ebenfalls erleichtert auf der Schwelle ihrer Redaktion um.

Eine Meldung, das JFK selber auf Schusters Rappen die Schönheiten des Potomac in Augenschein nehmen wollte, wurde überholt durch das Gerücht, der Präsident sei gewiß imstande, es seinem jüngeren Bruder nachzutun; aber es hätte sich unter seinen Leibwächtern keine ausreichend starke Rotte gefunden, mit der erforderlichen Marine-Infanterietauglichkeit. So wird uns das Bild eines rennenden Präsidenten, umgeben von einem Rudel schwitzender Geheimpolizisten, erspart bleiben.

Jeder zweite bis dritte Amerikaner, hat ein Auto. Fußgängerwege an den Straßen sind außerhalb der City nirgendwo vorgesehen. Wenn man trotzdem einmal ein Stück zu Fuß geht, hält nach spätestens fünf Minuten der erste Wagen an, und ein teilnehmender Amerikaner fragt, ob man „in trouhle“ sei, ob er einen irgendwohin bringen könne. Der Spaziergang ist in der Neuen Welt so unbekannt wie bei uns der Baseball. Und gerade dieses langweiligste Ballspiel der Erde zeigt ja wiederum, wie ungern der Amerikaner sich körperlich bewegt: Baseball besteht hauptsächlich aus Herumstehen und Beraten, unterbrochen durch erschreckend heftige Spurts.