Von Josef Müller-Marein

Ferenc Fricsay ist nicht einmal fünfzig Jahre alt geworden. Er starb in Basel, nachdem er in seinem Hause zu Ermatingen am Bodensee in äußerster Zurückgezogenheit gelebt hatte. Manchmal raffte er sich auf und dirigierte in einer Großstadt, etwa in Berlin, eines der bedeutenden Orchester, mit denen er vertraut war. Das war jedesmal ein Kunsterlebnis, wie es wohl keiner unter den Teilnehmern vergaß. Es gab Augenblicke, in denen er glaubte, genesen zu können. Zuletzt aber verließen ihn die Lebenskräfte unmerklich und unaufhaltsam und in gleichmäßigem diminuendo.

Keinem Dirigenten ist ein so steiler Aufstieg vergönnt gewesen: Am Ende des Krieges war er ungarischer Militärkapellmeister, fünf Jahre später besaß er Weltruhm. Aber sehr selten ist einem jungen Musiker auch solch eine Ausbildung zuteil geworden wie ihm: Sein Vater, der ranghöchste Militärkapellmeister Ungarns, dirigierte nicht nur Märsche und Walzer, sondern auch Symphonien, und war in seinem Lande eine populäre Erscheinung, den Meister wie Bartók und Kodály hoch schätzten und den das Volk liebte. Er hat den Sohn Ferenc im Gebrauch aller Orchesterinstrumente unterwiesen, ihn die berühmte Budapester Musikakademie besuchen lassen und ihm die Möglichkeit gegeben, schon als Kind ein Orchester zu dirigieren: die Eleven-Kapelle des Ersten Honved-Infanterie-Regimentes, die sich aus jungen Anwärtern auf Militärmusikerstellen zusammensetzte.

Ferenc Fricsay hat die Uniform mit dem Lyra-Abzeichen elf Jahre lang getragen – höchst ungern. Er stolperte immer über seinen langen Degen. Und hätte er nicht soviel Humor und Charme und Genie und – seinen hochverehrten Vater besessen, so wäre seine militärische Karriere wahrscheinlich schlecht ausgegangen. (Ich erwähne dies, weil er zwischen Zorn und Lachen herrlich davon erzählen konnte.)

So jung er bei Kriegsende noch war, wurde er sogleich prominenter Dirigent der Budapester Oper, dann der Staatsoper in Wien. Er dirigierte in Salzburg, wurde Generalmusikdirektor in Berlin, später in München. Aber eines vertrug er nie: die Routine, den Repertoire-Schlendrian, das „Alles-Dirigieren“. Sein künstlerischer Maßstab war zu streng, als daß er zugestimmt hätte, Opern zu dirigieren, die er nicht selber einstudiert hatte. So hielt es ihn nicht auf noch so glorreichen Musikbeamtenposten. Er zog davon.

Doch kehrte er – der Ämter ledig – dann auch immer wieder zurück: zum Rias-Orchester, das er aufgebaut und zu einem der glänzendsten heutigen Klangkörper entwickelt hatte, zur Berliner Oper, zu Konzerten der Berliner Philharmoniker. Seine mütterliche Freundin, Professor Elsa Schiller, die künstlerischer Direktor bei der „Deutschen Grammophon“ wurde, hat ihm die Möglichkeit geschaffen, Schallplatten zu machen, die Gipfelleistungen der Interpretationskunst sind und Fricsays Ruhm noch lange, lange am Leben halten und in alle Welt tragen werden.

Für Fricsays Freunde war es erschütternd zu sehen, wie die lange Krankheit und die notgedrungene Zurückgezogenheit in diesem genialen Menschen eine stille Aufmerksamkeit erweckten, die kein Gebiet ausschloß: nicht Philosophie und Literatur, nicht bildende Kunst und Architektur.

Er hat ein kleines Buch über Mozart und Bartók geschrieben: ein Zeugnis hellsichtiger Sensibilität. Er war fromm. Seine Weltabkehr war Verinnerlichung. Er war eine reine Flamme, die früh dahinbrannte und deren Widerschein unser Leben noch lange erhellen wird.