Das Bild, das die Karlsruher Juristenwelt vom Bundesrichter Ludwig Martin hat, jenem Mann, der das Amt des Generalbundesanwalts übernehmen soll, hat keine scharfen Konturen. Seit Martin im Januar 1951 zur Bundesanwaltschaft kam, hat er nicht viel von sich reden gemacht. Im Gegensatz etwa zu seinem Vorgänger Max Güde. Als Güde „General“ wurde, da wußte man, wen man vor sich hatte.

Obwohl Güdes Entschluß, Politiker zu werden, nicht aus heiterem Himmel kam, traf das Ministerium keine Vorsorge. Viele Monate blieb der Platz des Generalbundesanwalts unbesetzt. Nach langem Warten gab es dann zu allem Überfluß noch die Affäre Frankel. Dies mag der Grund dafür gewesen sein, daß die Suche nach einem neuen Mann vom Bundesministerium als eine geheime Kommandosache behandelt wurde. Und als dann bekannt wurde, Justizminister Bucher habe dem Kabinett den Bundesrichter Martin vorgeschlagen, da begann sogleich das Rätselraten: Wer ist eigentlich der Bundesrichter Martin? Warum fiel die Entscheidung gerade auf ihn?

Es gibt eine amtliche Verlautbarung des Bundesjustizministeriums über Ludwig Martin: „Geboren am 25. April 1909 in Martinszell in Bayern als Sohn eines Kaufmanns. Er ist verheiratet. Aus seiner Ehe sind vier Kinder hervorgegangen.“ Mehr wird „zur Person“ nicht verraten. Dann folgen allerdings dreißig Schreibmaschinenzeilen zum „juristischen Lebenslauf“. Das beginnt mit der ersten juristischen Staatsprüfung am 14. November 1932 in München und mit der Großen „juristischen“ Staatsprüfung am 9. April 1937. Einen Monat später ist er Assessor beim Oberlandesgerichtsbezirk in München. Schnell wird der begabte junge Jurist „wegen seiner fachlichen Tüchtigkeit“ (so der amtliche Text) zur Reichsanwaltschaft beim Reichsgericht berufen, als sogenannter wissenschaftlichen Hilfsarbeiter in Revisionssachen.

Hier kreuzte sein Berufsweg zum ersten Male den seines heutigen Vorgängers: Wolfgang Fränkel. War es Zufall, daß sie sich später im Bundesgerichtshof wieder trafen? Es ist schon das Wort geprägt worden, in Karlsruhe habe sich „die Traditionskompanie des Leipziger Reichsgerichts“ etabliert. Die so reden, meinen es kritisch. Positiv meinte es Thomas Dehler, damals Bundesjustizminister, als er zum der Eröffnung des Bundesgerichtshofes den Wunsch aussprach, „daß der Geist des Reichsgerichts auch die Arbeit des Bundesgerichtshofes durchwaltet, daß der Schatz der Erfahrungen und Erkenntnisse des Reichsgerichts von seinem Nachfolger übernommen und ausgeschöpft wird“.

Nur ein knappes halbes Jahr hatte Martin Zeit, Leipziger „Erfahrungen“ zu sammeln. Während Fränkel in den Strudel der NS-Justiz geriet, kam für ihn am 24. September 1939 der Gestellungsbefehl. Das amtliche Merkblatt über den Bundesrichter Martin versäumt nicht, darauf hinzuweisen, daß er während seiner kurzen Gastrolle bei der Leipziger Reichsanwaltschaft nicht an den Sitzungen des Gerichtes teilnahm. Das Bundesjustizministerium konnte sogar vermelden, daß Martin nicht Mitglied der NSDAP gewesen sei. Für verantwortliche Positionen hochqualifizierte Juristen zu finden, die nicht jener Partei angehörten, scheint für die Bonner Personalpolitiker schon fast eine unlösbare Aufgabe zu sein. „Ein ‚Nicht-PG‘als Generalbundesanwalt, das ist ja geradezu sensationell“, konnte man bereits hören.

Auch die „Erben“ der Reichsgerichtsakten und anderer Dokumente aus der Kriegszeit, die Ostberliner Propagandisten, haben bis zur Stunde noch nichts von sich hören lassen. Der Beitrag der Zonen-Nachrichtenagentur ADN beschränkte sich darauf, vom „faschistischen Reichsgericht“ zu sprechen und Martin zum „Nazi-Staatsanwalt“ zu machen. „Die bisherigen ADN-Stellungnahmen bringen keinerlei ernst zu nehmende Fakten“, meint Martin. „Es kann mir nichts vorgeworfen werden.“

„Nach dem Zusammenbruch stellte er sich der bayerischen Justiz zur Verfügung und war ab 18. März 1946 Amtsgerichtsrat in Sonthofen und Vorstand des dortigen Amtsgerichts“, so leitet die Verlautbarung des Justizministeriums den Bericht über Martins Nachkriegskarriere ein. Vier Jahre später wurde er in den Bundesjustizdienst abgeordnet, zunächst in die Bonner Rosenburg, wo er in der zivilrechtlichen Abteilung tätig war, später zur Bundesanwaltschaft beim Bundesgerichtshof. 1952 wurde er zum Bundesanwalt befördert. Während dieser Zeit lernten die Karlsruher Journalisten bei Revisionsverhandlungen von Kriegsverbrecher verfahren Martin als einen leidenschaftlichen Ankläger kennen. Anfang 1953 wird er dann zum Bundesrichter beim Bundesgerichtshof gewählt; zur Zeit ist er Mitglied des 4. Strafsenats und gehört dem Großen Strafsenat an.

Von Martin selber etwas mehr zu erfahren, stößt auf Schwierigkeiten: Fragt man, so lächelt er und schweigt. Und daran wird sich vermutlich auch solange nichts ändern, bis der Bundesrat seinen Segen gegeben und der Bundespräsident die Ernennungsurkunde unterschrieben hat. Gewitzt durch die Mißgeschicke bei der Besetzung des Amtes des „Obersten Anklägers der Bundesrepublik“ zeigt Martin wenig Neigung, den Tag vor dem Abend zu loben.

Man ist also auf „Hilfskonstruktionen und Analogien“ angewiesen. So kann man wohl davon ausgehen, daß Martin aus voller Überzeugung an einem Urteil mitwirkte, mit dem der Freispruch für die Verantwortlichen eines Standgerichts aufgehoben wurde. Dort wird nicht nur von dem „im Gewande des Rechts betriebenen Terrorismus“ des Dritten Reiches gesprochen, sondern ebenso unmißverständlich von den Möglichkeiten, „jenem Ansinnen auszuweichen“, wollte man sich nicht „als willfähriger Diener des Unrechts mißbrauchen lassen“. Auch seine Tätigkeit beim 4. Senat, zuständig für Verkehrssachen, brachte ihm einen guten Ruf ein.

Doch was wohl wichtiger sein dürfte: Sein „Gegenspieler“ von morgen ist sein Senatspräsident von gestern. Der Generalbundesanwalt in spe, Martin, und der Vorsitzende des Politischen Strafsenats, Rothberg, haben jahrelang im Verkehrssenat zusammen hinter dem Richtertisch gesessen. Daß sich diese „Gemeinsamkeit“ auf das Verhältnis von Anklage und Gericht im politischen Strafprozeß auswirken kann, vermuten viele.

Schon heute aber ist deutlich, daß mit dem Ausscheiden von Max Güde als Generalbundesanwalt und von Heinrich Jagusch als Präsident des 3. Strafsenats eine Periode der politischen Strafjustiz abgeschlossen worden ist. In der Ära Güde–Jagusch standen sich zwei „politische Menschen“ gegenüber, zwei Individualisten mit oft grundsätzlich verschiedenen Ansichten über die Ausübung des strafrechtlichen Staatsschutzes. In so manchem Prozeß wurde zwischen der Bundesanwaltschaft und dem Senat hart gerungen. Solche „Zweikämpfe“ wird es nun wohl nicht mehr geben.

Was ist noch über Ludwig Martin bekannt? Er fährt einen Wagen der Mittelklasse und besitzt ein Eigenheim in Karlsruhes Prominentensiedlung. Der Hausbau im „Märchenviertel“ hat ihm manche Sorgen bereitet. Es wird erzählt, Martin habe sich damals bei Einladungen stets mit dem Hinweis auf seine Bauherrenschwierigkeiten entschuldigt, wenn er der Dame des Hauses keine Blumen mitbrachte. Ob er sich in Karlsruhe Freunde gemacht hat, läßt sich nur schwer beurteilen. Wenn er „freundlich“ sein will, gelingt ihm das nicht so recht. Es fehlt ihm die Ungezwungenheit im Umgang mit seiner Umwelt. Mit einem Modewort: Er scheint – vorläufig zumindest – „kontaktarm“ zu sein. Vielleicht gewinnt Ludwig Martin aber ein klares Profil, wenn er erst einmal seine neue Aufgabe übernommen hat. Gerhard Ziegler