K. H., Hamburg

Hamburgs Erster Bürgermeister, Dr. Paul Nevermann, kam braungebrannt vom Krankenurlaub auf Teneriffa zurück und konnte schon in seiner ersten Pressekonferenz einen schwer erkämpften Sieg verkünden: Der höchste Profanbau der Hansestadt wird seinem Wunsch entsprechend noch höher.

Dem Erfolg des Bürgermeisters war ein monatelanges Tauziehen um das 20. und 21. Stockwerk des neuen Unilever-Verwaltungsbaues im Herzen der Stadt vorausgegangen. Der Konzern wollte 21 Geschosse errichten, die Baubehörde genehmigte jedoch nur 19 – mit Rücksicht auf die gesetzlichen Indexziffern und die „Besonnung“ der benachbarten Häuser. Unilever gab nach und bat nur darum, den „Versorgungskern“ des Hochhauses mit Fahrstuhl- und Klimaanlagen aus „technischen Gründen“ etwas höher als die genehmigten 19 Geschosse bauen zu dürfen. In der Baubehörde hatte man keine Bedenken. Böses begann man erst zu ahnen, als das Hochhaus im Rohbau fertig war: Aus der Mitte des eleganten Baues wuchs ein häßlicher, grauer Betonstumpf. So unmotiviert ragte der Stumpf in die Stadtsilhouette, daß sich selbst harmlose Bürger fragten, ob auch alles seine Richtigkeit habe.

Die Befürchtungen der Baubehörde wurden zur Gewißheit, als eine Delegation des Unilever-Konzerns an die Tür des Ersten Bürgermeisters klopfte. Das Stadtoberhaupt ließ sich davon überzeugen, daß der klobige Betonstumpf das Stadtbild für alle Zukunft verschandeln werde, wenn er nicht durch ein 20. und ein 21. Stockwerk verdeckt würde. Die Experten der Baubehörde mißtrauten den Ästheten aus der freien Wirtschaft jedoch. Sie argwöhnten Erpressung. Ein mit blankem Aluminium verkleideter Betonstumpf könne sogar besonders apart wirken, fanden schließlich die beamteten Architekten.

In den Streit der „Geschmäcker“ mußte sich der Senat einschalten. Die Stadtväter ließen ein übermannsgroßes Modell des Hochhauses anfertigen, aus dem naturgetreu der Betonstumpf des Anstoßes ragte, dem man ein 20. und ein 21. Stockwerk aus Holz überstülpen konnte. Das Modell wurde im Rathaus aufgestellt. Säle und Gänge des Senatsgeheges versah man mit Straßennamen und rekonstruierte so maßstabgetreu die Hamburger Innenstadt. Die Senatoren begutachteten den Betonstumpf aus den verschiedensten Perspektiven. Dann ließ der Präsident des Senats, Dr. Nevermann, abstimmen. Die Mehrheit seiner Kollegen plädierte mit ihm für die nachträgliche Aufstockung des Hochhauses. Der Erste Bürgermeister kletterte über eine Leiter auf die Rampe, die das Hochhausmodell trug und setzte unter den Blitzlichtern der Photographen symbolisch die beiden umstrittenen Stockwerke über den Betonstumpf.

Damit war die Geschmacksfrage endgültig entschieden – allerdings kaum in erster Linie nach ästhetischen Gesichtspunkten: Das Mainzer Fernsehen hatte in dem noch nicht gebauten 21. Stockwerk bereits ein Studio gemietet. Außer Unilever, einem der besten Hamburger Steuerzahler, auch noch die Mainzer vor ihrem Sendetermin am 1. April zu verärgern, hielt die Mehrzahl der Senatoren für einen zu hohen Preis für die Prinzipien der Baubehörde. Dort glaubt man sich jetzt auf eine Reihe von Prozessen mit weniger einflußreichen Bauherren als Unilever vorbereiten zu müssen, die sich behördlichen Entscheidungen einst widerstandslos beugten.