Das Marschfieber wütet in den USA. Der Präsident selber hat es „angeheizt“. Auch bei uns versucht eine Zeitung aus dem Hause Springer – bislang freilich mit wesentlich bescheidenerem Erfolg – den Marschbazillus epidemisch zu verbreiten. Fünfzig Meilen gleich achtzig Kilometer gilt es in weniger als zwanzig Stunden zurückzulegen. Eine alte Order von Theodore Roosevelt verlangte diese Dauerleistung von den Offizieren der Marine-Infanterie.

Möglich, daß es auch den heutigen „Mot“-Offizieren gut tut, wenn sie wieder marschieren lernen. Wie früher der Gaul einmal ausfiel, so kann es auch heute dem Jeep ergehen, so daß die Beine wieder zu Ehren kommen.

Aber Sinn wird Unsinn, wenn Forderungen, die einst für eine harttrainierte militärische Eliteeinheit geschaffen wurden, auch für völlig ungeübte, des Gehens fast entwöhnte Zivilisten erhoben werden. Ohne ein gezieltes längeres Training sind diese Gewaltmärsche über achtzig Kilometer nichts anderes als grober Unfug. Daß sie in Amerika, wo von jeher der Spleen blüht, ihr Publikum finden, mag nicht verwundern. Erstaunlich ist es aber, daß selbst Präsident Kennedy die jungen Marschierer derart animiert und auch sein Bruder „Bob“, der junge Justizminister, die 50 Meilen „herunterriß“.

Man könnte jetzt natürlich tiefenpsychologische Betrachtungen anstellen: Hier würden atavistische Regulationen gegen die fortschreitende Automation wirksam, ein Aufstand des wiedererstandenen Fußgängers gegen die Maschine bahne sich an und so weiter. Aber was stutzig machen muß, ist das Taumeln von einem Extrem ins andere, die maßlose Überschätzung einer einmaligen Willensanstrengung.

Die gleichen Menschen, die sich kaum noch von ihrem Auto zu trennen vermögen, die schon beinahe eine Symbiose mit ihm eingehen, die ihren altmodischen eigenen Bewegungsapparat einfach stillegten, trauten sich nun mit einem Schlag zu, ohne weiteres einen Gewaltmarsch über die für einen Fußgänger enorme Entfernung von 80 Kilometern durchzustehen. Der Rausch des Rasens mit den 100 PS über Hunderte von Kilometern hatte ihnen anscheinend das Gefühl für die Leistungen des eigenen Körpers völlig genommen. So glaubten sie wohl auch, man brauche einen Organismus nur wie ein altes Auto aus der Garage zu holen, dann liefe er schon von selbst. Auch die Zuschauer auf den Sporttribünen sehen ja nicht die Ströme von Schweiß, die beim heutigen Intervall- und Muskelkrafttraining auf den Trainingsplätzen vergossen werden. So kommen sie wohl zu einer völligen Unterschätzung der Notwendigkeit der Übung und des Trainings und zur völligen Überschätzung ihres eigenen körperlichen Leistungsvermögens.

Nun könnte man sich vorstellen, vielleicht wollte gerade dies der Präsident, der ja selbst ein ausgezeichneter College-Fußballspieler war, der amerikanischen Jugend einmal vorexerzieren. Wiederholt hat er auf den ungenügenden körperlichen Leistungsstandard und den angeblich so schlechten Gesundheitszustand der amerikanischen Jugend, wie er sich scheinbar alarmierend in den Musterungsergebnissen der Militärärzte niederschlug, hingewiesen, und wiederholt hat Kennedy den Appell an die jungen Amerikaner gerichtet, mehr Sport zu treiben. Aber was oft so einfach erscheint, ist oft unsäglich kompliziert. So auch die Gesundheit. Karl Jaspers, der nun 80jährige, der ein hervorragender Mediziner war, ehe er zu philosophieren begann, hat eine wahrhaft weise Antwort auf die Frage, wie man Gesundheit definieren solle, gegeben: „Gesundheit, ja wenn ich wüßte, was das wäre.“

Auf keinen Fall kann ein Laie aus Musterungsstatistiken ohne weiteres entscheidende Schlüsse auf den Gesundheitszustand der Jugendlichen ziehen. Die Maßstäbe der Untersuchungsteams differieren oft stark. Eine Formabweichung muß nicht unbedingt eine Funktionsbeeinträchtigung bedeuten. Ein Beispiel: In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre wurde ein Läufer deutscher Meister über 400 Meter, und das noch in neuer Bestzeit, der so ausgeprägte Plattfüße besaß, daß man sie als typische „pedes planes“ in jedem orthopädischen Lehrbuch hätte abbilden können.