Von Kurt Wen dt

Zu den uralten Börsenfragen gehört diese: "Ist der Kursunterschied zwischen der Siemens- und der AEG-Aktie überhaupt, und wenn ja, in diesem Ausmaß berechtigt Zur Zeit wird die AEG-Aktie zum Kurs von etwa 410 % und die Siemens-Aktien zu 515 % notiert. Abstand also 105 Punkte. Am 28. September 1962 waren es beispielsweise noch 177 Punkte. Die AEG (Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft) und Siemens & Halske sind sich also nähergekommen. Wer Motivforschung treiben und nach den Ursachen für den Abbau der Kursdifferenz suchen will, stößt sofort auf folgendes Argument: "Lange Zeit kursierte das Gerücht, die AEG würde mit ihrer Dividende auf das Siemens-Niveau hinaufgehen und ihre Ausschüttung auf 16 (15)% erhöhen!" Wenn dies tatsächlich für die Kursannäherung der jüngsten Vergangenheit ausschlaggebend war, hätte es inzwischen doch wohl zu einem Kurssturz kommen müssen, denn die AEG wird für ihr Geschäftsjahr 1961/62 (30. 9.) bei 15 % bleiben – und mehr sollten die Aktionäre der Gesellschaft im jetzigen Zeitpunkt auch nicht abverlangen.

Die Gründe für die "Aufwertung" der AEG liegen gewiß nicht auf dem Felde einer höchst oberflächlichen Börsenspekulation begraben. Gewichtiger ist vielmehr die Tatsache, daß die AEG mit ihrem jetzt vorgelegten Zahlenwerk eine Bilanz veröffentlicht hat, die in ihrer Qualität seit 1948 noch keine Vorgängerin hatte. Die AEG startete nach dem Kriege aus weitaus ungünstigeren Verhältnissen heraus als Siemens, und dieses Handikap verliert nunmehr von Jahr zu Jahr an Bedeutung. Dennoch, wenn man die AEG- und Siemens-Bilanzen miteinander vergleicht, so ist nicht zu verheimlichen, daß zwischen beiden ein merklicher "Qualitätsunterschied" besteht. Bilanzanalytiker meinen, daß er eine größere Kursdifferenz als die heutigen 105 Punkte rechtfertigen würde.

Aber wann hat sich die Börse schon nach den Analysen und ihren Auswertungen gerichtet? Wenn sie jetzt der AEG Vorschußlorbeeren zollt, dann tut sie dies in der Erwartung, daß die inzwischen eingeleiteten Re- und Umorganisationen innerhalb des AEG-Konzerns auf die Dauer gesehen zu einer wirksamen Geschäftsbelebung und Ertragsstärkung führen werden. Die Börse greift bei der Bewertung der AEG-Aktie bereits in die Zukunft. Den Teil des Kurses, der die Zukunftserwartungen zum Ausdruck bringen soll, nennt man schlicht "Heyne-Bonus" nach dem Vorstandsvorsitzenden der AEG, Generaldirektor Dr.-Ing. Hans Heyne, dem die gewiß nicht häufige Aufgabe zugefallen ist, einen Konzern neu zu gliedern und seinen schwächeren Teilen neues Leben einzuhauchen.

Dr. Heyne, langjähriger Chef der AEG-Tochter Telefunken, hat sich nicht in das Amt eines AEG-Konzernchefs gedrängt. Aber da es im vergangenen Jahr durch unglückliche Umstände dazu gekommen war, daß es rund alle 2 1/2 Monate einen neuen Mann an der AEG-Spitze gab, konnte er sich dem dringlichen Ruf’ des Aufsichtsrates nicht verschließen. Dr. Heyne übernahm zwei Hauptaufgaben: 1. Die Neuorganisation des AEG-Konzerns und 2. die Reorganisation der Muttergesellschaft der AEG.

Gleichzeitig soll er für sich einen Nachfolger einarbeiten, und zwar in der Person von Dr. Berthold Gamer (Farbwerke Hoechst), der am 1. Juli offiziell in den Vorstand der AEG eintreten wird. Mitte 1964 soll sich dann der Führungswechsel vollziehen. Dr. Heyne wird danach den Vorsitz in den Aufsichtsräten der AEG und Telefunken übernehmen, aber gleichzeitig sich weiterhin den mit der Neuorganisation auftretenden Problemen widmen. Mit dieser Regelung ist eine Kontinuität in der Führungsspitze sichergestellt, die der AEG nach den jüngsten Ereignissen nur gut tun kann.

Nach den jetzt bekanntgewordenen Organisationsplänen wird die AEG künftig ähnlich gegliedert sein wie das Haus Siemens. Dr. Heyne machte keinen Hehl daraus, sich auf Siemens-Vorbilder sowie auf Formen gestützt zu haben, die sich bei General Electric, USA, (besitzt etwa 10 % des AEG-Grundkapitals von 380 Mill. DM) schon bewährten. Beide Firmen, insbesondere natürlich General Electric, waren davon keinesfalls unangenehm berührt, sondern Dr. Heyne lobte ausdrücklich die hier sichtbar gewordene "kollegiale" Zusammenarbeit.