Daressalam, im Februar

Fast alle Redner beendeten ihre Ausführungen mit „Uhuru“. Der Sowjetbürger Mirzo Tursun, der Chinese Liu Ning-Yi, der Ägypter Mohammed Allam und der Inder Diwan Lall – alle kannten sie „Uhuru“, das kisuaehelische Wort für Freiheit. Die 400 Delegierten der „III. Afro-Asiatischen Volks-Solidaritätskonferenz“ in Moshi, Tanganyika, wurden immer wieder mitgerissen: rhythmisches Händeklatschen, rhythmisches Füßestampfen, „Uhuru, Uhuru“.

Jenes äußere Bild der Einmütigkeit entspricht jedoch nicht den wahren Verhältnissen. In der afro-asiatischen Solidaritätsbewegung, die Anfang 1958 in Kairo gegründet wurde, haben sich die radikalen Nationalisten und die Kommunisten zu einer Allianz zusammengefunden, was freilich nicht ausschließt, daß weiterhin jeder seine besonderen Interessen pflegt: Die Kommunisten tragen den ideologischen Zwist zwischen Peking und Moskau auch in die Reihen dieser Organisation, während die extremen Nationalisten sich mehr mit inner-afrikanischen und inner-arabischen Fragen und Konflikten befassen.

Daß die junge Republik Tanganjika, die erst vor 14 Monaten ihre Unabhängigkeit erhielt, als Tagungsort gewählt wurde, hängt offenbar damit zusammen, daß in diesem Land der afrikanische Nationalismus noch maßvoll praktiziert wird. So gibt es etwa in der Armee und in der Polizei noch eine Anzahl britische Offiziere; auch im Verwaltungsdienst arbeiten noch viele Europäer, und aus wirtschaftlichen Gründen hat man den weißen Farmern ihre Besitzungen noch belassen. Nach den Grundsätzen der „Solidaritätsbewegung“ sind solche Konzessionen an den „westlichen Neokolonialismus“ vom Übel. Offenbar glaubten die Radikalen, durch diese Konferenz auch Tanganjika auf einen radikaleren nationalistischeren Kurs verpflichten zu können.

Obwohl asiatische Kommunisten, arabische und afrikanische Nationalisten, Kenias Stammesführer Odinga Mitglieder der Tanganjika-Regierung und Unabhängigkeitskämpfer aus den portugiesischen Besitzungen gemeinsam „Uhuru“ riefen, vermochte die extreme Linie in Moshi keinen eindeutigen Sieg zu erringen: die direkten Kampfansagen gegen die bisher als „reaktionär“ oder „pro-westlich“ verschrienen Regierungen unabhängiger Staaten blieben aus.

Kameruns militante Oppositionspartei UPC mußte diesmal auf ein Verdammungsurteil gegen die legale Regierung Kameruns verzichten; Somaliland erhielt keine Unterstützung für seinen Kampf gegen den „äthiopischen Imperialismus“; und Ugandas Opposition ging ins Exil nach Kairo zurück, ohne daß der Premierminister ihres Landes als „Agent des britischen Neo-Kolonialismus“ abgekanzelt worden wäre. Schließlich wurden auch Tanganjikas „neo-kolonialistische Bindungen“ nicht offen gerügt.

Bei den verantwortungsbewußten Afrikanern beginnt sich die Erkenntnis durchzusetzen, daß jede weitere Verschärfung inner-afrikanischer Konflikte verhängnisvoll wäre. Um aber wenigstens Verdammungsurteile gegen den Westen zu erzielen, griffen die radikalen Führer der Solidaritätsbewegung auf Kollektivschuld-Thesen zurück. Schwierigkeiten und Hemmnisse, die einer endgültigen Lösung des sozusagen herkömmlichen Kolonialproblems noch entgegenstehen, wurden kurzerhand der westlichen Welt zur Last gelegt. Wenn zum Beispiel Portugal sich weigert, seine afrikanischen Besitzungen freizugeben, dann galt dies in Moshi als Beweis für den „Imperialismus der NATO“. Beim Thema Afrika und die EWG ergab sich Gelegenheit, unter anderem vom „Neo-Kolonialismus Westdeutschlands“ zu sprechen.