Die Gewerkschaften trotzen de Gaulle

R. F., Paris, Ende Februar

Die Zahlmeisterei folgt nach.“ Auf diesen Satz aus dem militärischen Lehrbuch hat sich General de Gaulle bis heute berufen, wenn es um wirtschaftliche Fragen ging. Jetzt aber kümmert er sich plötzlich selber um die Entwicklung der Preise und Löhne und will diesem Problem bald sogar eine seiner Fernsehansprachen widmen. Die Entwicklung der letzten Wochen hat ihm ins Bewußtsein gerufen, daß seine großen außenpolitischen Pläne vom Wohlergehen der französischen Wirtschaft abhängig sind.

Das Jahr 1963 hätte in Frankreich eigentlich zum „Sozialen Jahr“ werden sollen. Jedenfalls ließ sich de Gaulle nach seinem Wahlsieg mit der verheißungsvollen Ankündigung vernehmen, er werde in seinem Sozialprogramm weiter gehen, als sich die Opposition je träumen ließ. Dieser Unternehmungsgeist jedoch ist mittlerweile gedämpft worden. Zweifellos haben die anhaltenden Preissteigerungen den Stimmungsumschwung bewirkt: Seit der Einführung des Neuen Franc im Dezember 1958 sind die Preise um rund achtzehn Prozent gestiegen. Die französische Position im internationalen Wettbewerb hat sich entsprechend verschlechtert, und die drohende außenpolitische Isolierung scheint sich neuerdings auch auf den Exportmärkten schon bemerkbar zu machen.

Deshalb kann die Regierung bei den schon vor einiger Zeit angesetzten Lohnverhandlungen für die Staatsbetriebe jetzt weniger Entgegenkommen zeigen, wie sie es ursprünglich wohl vorhatte. Der Gesprächston hat sich daher jäh verschärft, und aus der sozialen Offensive der Regierung ist unvermittelt eine Kraftprobe mit den Gewerkschaften geworden. Der 48stündige Streik der Grubenarbeiter, der für den 1. März ausgerufen worden ist, kündigt eine Bewegung auf breiter Front an. Von ihr könnten auch die Eisenbahner, die Hafenarbeiter, die Angestellten der Gas- und Elektrizitätswerke und die Arbeitnehmer in den Pariser Verkehrsbetrieben erfaßt werden. Die innenpolitische Basis von de Gaulles Außenpolitik des Grandeur gerät durch diesen frappe de force der Gewerkschaften ins Wanken.