Unter den Fahnen Frankreichs, der Bundesrepublik und des Freistaates Bayern, dekoriert mit vielen Lebensbäumen, wurde bei angemessen niedriger Temperatur das Kind aus der Taufe gehoben. Einladungen zu dem freudigen Ereignis in der vorigen Woche waren auf feinem Büttenpapier über die Grenzen hinaus an die Freunde der Familie in Frankreich, Belgien, Dänemark und Italien ergangen. Die hatten es sich, nicht nehmen lassen, mit Wagen, Flugzeug und per Bahn nach Dortmund-Dorstfeld an den Ort der Handlung zu eilen. Denn sie alle fühlten sich der Familie zugehörig. In der weißgekalkten Halle prosteten sie mit Sekt auf den Täufling.

Dann hob Professor Max Strub den Violinbogen. Die Gäste sammelten sich. Feierlich wurden sie mit dem "Allegro ma non troppo" aus dem Streichquartett c-Moll, op. 18, Nr. 4, von Ludwig van Beethoven auf die Weihestunde eingestimmt.

Niemanden schien es zu stören, daß währenddessen über der Versammlung ein leichter Hauch von saurer Milch und Harzer Käse lag. Es war der Eigengeruch des Täuflings. "Liebe Gervaianer", begrüßte der erste Redner die Festversammlung, "wir freuen uns, sie zur Taufe unseres jüngsten und schönsten Kindes willkommen heißen zu können..." Gemeint war der Neubau der Verkaufsfiliale Dortmund von der Firma Charles Gervais AG in München. "Durch die Filiale Dortmund wird das Frischdienstnetz noch enger geknüpft..." Von hier aus soll der Käse auf kürzestem Wege ins Ruhrgebiet gerollt werden.

Vorerst rotierte er jedoch nur zu klassischen und modernen Klängen. Nach einer Analyse zur Frage: "Fördert der Zusammenschluß der EWG die Konzentration?" stimmte das Strub-Quartett Hugo Wolfs "Italienische Serenade" an. Nicht der Geschmack, aber der Geruchssinn feierte währenddessen eine besinnliche Käseorgie. Nach Mozarts "Menuetto" aus dem Streichquartett d-Moll, Köchelverzeichnis 421, durfte das Lager besichtigt werden. Das Barometer zeigte zehn Grad. Goldbraun lagen die Schweizer Käserollen in den Regalen, daneben Emmentaler, Gouda, frischer, mittelalterlicher und alter Holländer, französischer Käse; noch kühler gelagert die Weichkäse: Voran Harzer mit Schimmel und Kümmel, in Stangen und Rollen, insgesamt 130 verschiedene Käsearten.

Die Feier war zu Ende. Die Gäste wurden zur Festtafel gebeten. Aber zum Käsegelage kam es nicht. Das Produkt des Hauses wurde nur ganz diskret angeboten. Nach Hummer-Cocktail und Schildkrötensuppe wurde zum Holsteiner Mastkalbrücken nach "Orloff" ein Salat in Roquefort-Sauce gereicht. "Es ist erstaunlich, zu welchen Gerichten man Käse verwenden. kann", sagte mein Nachbar, ein Freund des Hauses, höflich. Sogar zu Beethoven, zu Wolf, zu Mozart, dachte ich, oder umgekehrt. Die Verwendung von Käse kennt keine Grenzen, die Verwendung von Musik erst recht nicht. Nina Grunenberg