Von Gabriele Strecker

Die meisten deutschen Politiker sagen, ihre Frauen seien „politische Witwen“. Kaum einer von ihnen, der nicht in bewegende Klagen ausbräche, wenn er sein nerven- und zeitverschleißendes Amt beschuldigt, ihn mit Haut und Haaren aufzufressen und daß es ihm „keine Zeit mehr für die Familie“ lasse.

Gewiß nicht viele Politiker hierzulande können von sich sagen, was die italienische Zeitschrift Epoca kürzlich über den italienischen Staatschef, Segni berichtete: „Wie groß auch immer die Bürde seines Amtes ist, der Präsident läßt nicht zu, daß sein Familienleben darunter leidet. Der Ehemann und Familienvater tritt keines seiner Rechte an den Staatspräsidenten ab. Antonio Segni ist überzeugt, zur höchsten Staatswürde gekommen zu sein und sie gewissenhaft ausüben zu können nicht nur durch Intelligenz, Kultur und politisches Talent, sondern vor allem kraft seiner Frau, seiner Söhne, seiner Heimaterde, kurz durch ein einfaches und sauberes Leben, das sich aus antiken Gefühlen speist.“

Fast alle unsere Politiker – schon die in der Kommunalpolitik – geben unumwunden zu, daß ihr Familienleben unter der Politik leidet. Sie teilen dieses Schicksal mit etlichen anderen Berufen. Erforderte die Arbeit des großen Geschäftsmannes, des Forschers – und wie viele andere Berufe könnte man nennen – nicht eigentlich ein Zölibat? Der Terminkalender unserer Politiker scheint auf Junggesellen zugeschnitten zu sein und weniger auf Menschen, die sich dem Grundgesetz, welches Ehe und Familie unter den Schutz des Staates stellt, verpflichtet fühlen.

So war es wohl schon immer. Die Frage nach den Frauen der politisch tätigen Männer stellt sich nicht erst seit heute. Aber im Zeitalter der Demokratie mit seinem Anspruch auf politische Betätigung aller, auch der Frau, ist sie weniger indiskret.

Wie werden diese Frauen mit ihrem „politischen Witwentum“ fertig? Oder ist das nur ein Bonmot, hinter dem sich sehr reale Einflüsse, Antrieb oder Hemmung des Mannes, verbergen? Vor genau hundert Jahren, schrieb Johanna v. Bismarck: „In den kläglichsten Moll-Lauten seufzt die Sorge um Bismarck ununterbrochen durch mein Herz. Man sieht ihn nie und nie. Morgens beim Frühstück fünf Minuten während Zeitungsdurchfliegens; also ganz stumme Szene. Darauf verschwindet er in sein Kabinett. Nachher zum König, Ministerrat, Kammerscheusal – bis gegen fünf Uhr, wo er gewöhnlich bei irgendeinem Diplomaten speist bis acht, wo er nur en passant guten Abend sagt, sich wieder in seine gräßliche Schreibereien vertieft, bis er um halb zehn zu irgendeiner Soiree gerufen wird, nach welcher er wieder arbeitet, bis gegen ein Uhr und dann natürlich schlecht schläft...“ Das könnte heute geschrieben sein. Die es schrieb, die unscheinbare Johanna v. Puttkamer, wurde nicht von der überlebensgroßen Figur des Ehemannes erdrückt. Sie nahm, obwohl sie selbst durchaus unpolitisch war und die Politik haßte, den zentralen Platz als Kraftquelle seines ganz und gar politischen Lebens ein. Der Mann wurzelte gemüthaft in ihr und dankte mit rührendem Kavalierstum durch 43 Ehejahre.

Hier ist keine treibende oder hemmende Kraft spürbar, sondern ein Drittes: ein ruhiges Sein, die mütterlich-einfache Frau, die immer da ist, nicht fragt, die nur vertraut, glaubt, hofft, liebt. Keine geringe Gefährtin für den politischen Mann, vielleicht sogar die beste. Zu dieser Kategorie gehören vielleicht Nina Chruschtschow, Lady Churchill und als klassisches Beispiel Mary Ann Wyndham Lewis‚ die zwölf Jahre ältere Ehefrau Disraelis, die ihm seine Kandidatur erst möglich machte. In einer Aufstellung der Eigenschaften, des Ehemannes und ihrer selbst schreibt sie