Von Willi Bongard

Wenn man dem Großen Brockhaus glauben soll, handelt es sich beim Automobil um ein „durch einen Motor – meist Verbrennungsmotor – angetriebenes Landfahrzeug“. Diese Definition stammt allem Anschein nach aus den neunziger Jahren des alten Jahrhunderts – als Ganghofer „Das Schweigen im Walde“ verfaßte und die ersten Motorkutschen als „vollständiger Ersatz für Wagen mit Pferden“ angepriesen wurden: „Erspart den Kutscher, die theuere Ausstattung, Wartung und Unterhaltung der Pferde ... Lenken, Halten und Bremsen leichter und sicherer als bei gewöhnlichen Fuhrwerken ... die Wagen sind in zwei Minuten zum Fahren gerüstet.“

Man wird es der Brockhaus-Redaktion schwerlich verübeln können, daß sie noch nicht völlig auf der Höhe der Zeit ist, sich die jüngste Definition des „Vaters der Motivforschung“ und Verfassers einer „Strategie im Reich der Wünsche“, Dr. Ernest Dichter, noch nicht zu eigen gemacht hat: „In Wirklichkeit ist das Auto ein Symbol, ein Ausdruck menschlicher Wünsche.“

Die technische Entwicklung des Automobils – von der „Kutsche ohne Deichsel“ bis zum „Wagen ohne Probleme“ – ist nicht minder erregend als die Wandlung der Vorstellungen von einem Automobil und seiner sozialen Funktion, nämlich vom „Ersatz für Pferd und Kutscher“ über den „fahrbaren Untersatz“ bis hin zum erklärten und anerkannten Statussymbol, ja, zum „vollendetsten Gerät für die Sublimierung des unterbewußten Wunsches, zu töten oder getötet zu werden“ (E. Dichter). Für die letztere Interpretation bedarf es allerdings der blühenden Phantasie eines ganz und gar in Freudschen Kategorien befangenen Psychoanalytikers, der seiner Zeit offenbar weit voraus ist...

„Nach amerikanischer Auffassung ist der Besitz eines Autos für ein anständiges (!) Leben ebenso unerläßlich wie ein WC und eine angemessene Wohnung“, heißt es bei Pierre Martineau („Kaufmotive“). „Wir bekommen einen richtigen Schreck, wenn wir gelegentlich eine bürgerliche Familie ohne Wagen treffen.“ – So weit sind wir in der Bundesrepublik zwar noch nicht; aber es hieße die Augen vor der Statistik verschließen, wollte man nicht erkennen, daß auch wir auf dem besten Weg zu einer Automobilgesellschaft sind.

Der Pkw-Bestand in der Bundesrepublik nähert sich der Sieben-Millionen-Grenze. Nach einer Schätzung der Shell-AG ist für Mitte 1965 mit einem Pkw-Bestand zwischen 8,1 und 8,6 Millionen und bis 1970 mit 11,8 bis 13,2 Millionen zu rechnen. Diese Schätzungen dürften eher zu niedrig als zu hoch veranschlagt sein.

Die westdeutsche Automobilindustrie hat im vergangenen Jahr ein Produktionsergebnis erzielt, das die kühnsten Erwartungen noch weit übertroffen hat: Die Kraftfahrzeugproduktion ist um beinahe 10 % auf rund 2,3 Millionen Wagen gestiegen. Über die Hälfte dieser Automobile hat auf dem deutschen Markt Absatz gefunden. Nimmt man den Gebrauchtwagenabsatz hinzu, so sind in der Bundesrepublik 1962 an die zwei Millionen Automobile verkauft worden. Man wird auf die Produktions- und Absatzentwicklung der kommenden Jahre um so mehr gespannt sein dürfen, als die Kapazität der deutschen Automobilwerke um die Jahreswende ganz beträchtlich erhöht worden ist: