Wie wird man Philosoph? Ist Philosophie eine Wissenschaft? Hat Philosophie Einfluß auf den Gang der Welt? Darauf antwortet Professor Jaspers in dem Gespräch mit François Bondy.

Bondy: Sie waren Psychiater, hatten sich als solcher durch Ihre Forschungen und Ihre „allgemeine Psychopathologie“ einen Namen gemacht. Später wurden Sie Philosoph. Wie kam das?

Jaspers: Philosoph, als ein die Philosophie Liebender, war ich, seitdem ich mit siebzehn Jahren den Spinoza las. Als ich von der Psychiatrie kam, war das ein Weg nicht zur Philosophie, sondern zum Philosophieprofessor. Philosophie und Philosophieprofessor sind ja nicht identisch.

Bondy: Warum haben Sie, der Sie schon als Jüngling die Philosophie liebten, nicht Philosophie studiert und nicht den Weg zur Philosophieprofessur beschritten?

Jaspers: Philosophieprofessor, oder gar Philosoph zu werden, kam mir nicht in den Sinn. Das war etwas viel zu Hohes. Als ich mein Studium begann, inskribierte ich mich in der juristischen Fakultät, um später einen normalen Beruf zu haben. Aber ich hörte kaum juristische, sondern vor allem philosophische und kunstgeschichtliche Vorlesungen. Die philosophischen Vorlesungen enttäuschten mich. Ich fand nicht, was ich in der Philosophie suchte.

Ich wollte besser philosophieren, für mich allein. Voraussetzung schien mir, etwas Reales zu lernen. Die Jurisprudenz interessierte mich damals nicht. Ich wollte den Menschen und die Natur, die Realität selber kennenlernen. Wegen der Aussicht auf einen normalen Beruf wählte ich die Medizin.

Bondy: Wenn Sie von einer Philosophieprofessur keine sonderlich hohe Meinung haben, frage ich mich um so mehr: Wie kamen Sie später dazu, schon über dreißig Jahre alt, doch schließlich die Laufbahn auf eine solche Professur hin zu ergreifen?