W. K., München

Jahr für Jahr pilgerten sie, verkatert noch von der letzten Faschingsnacht, am Aschermittwoch in das niederbayerische Donaustädtchen Vilshofen – Bayerns Politiker. Die hintersinnige Kateridee, dort den Faschingskehraus in Form von handfesten politischen Kundgebungen zu verlängern, war schon zum festen Bestandteil bayerischer Politik geworden. Zwar nahm man den „politischen Aschermittwoch“ mit seinem originellen, unverfälschten bayerischen Stil mehr als ein Kuriosum hin; doch griffen die Redner oftmals tief in bundes- und außenpolitische Geschehen ein.

Stets schmückten Fahnen das Städtchen, Plakate hier und dort, die wortgewaltige Redner ankündigten; Blaskapellen marschierten auf, und wenn Franz-Josef Strauß an das weißblau-drapierte Rednerpult trat, ließ der Beifall die Bier- und Tabaksschwaden über den niederbayerischen Bauernköpfen durcheinanderwirbeln, als hätte eine Windmaschine den Saal erfaßt.

Kurzum, das politische Naturschutzgebiet Vilshofen ließ jeden auf seine Kosten kommen. Denn zu keiner Zeit im Jahre und an keinem anderen Ort im Bundesdeutschland wurde so vom Leder gezogen, wurden Wahrheiten und Halbwahrheiten mit solcher Vehemenz in den Bierdunst geschmettert wie an jenem politischen Aschermittwoch.

Um so betrübter verließ man diesmal die Walstatt politischer Gaudi. Schon die Ankündigung, Franz-Josef Strauß wolle seinen Urlaub im sonnigen Spanien nicht unterbrechen, legte sich wie ein Trauerschleier über die Vilshofener Erwartungen. Als matten Abglanz seiner rhetorischen Fülle hatte er diesmal seinen Parteifreund Hermann Höcherl geschickt. Aber ein Ersatz für ihn, das war Minister Höcherl nicht. Bestenfalls war es noch Franz Xaver Unertl, der seine Zuhörer in Vilshofens „Wolferstetter Keller“ schon oftmals mit Sprüchen zu ergötzen wußte, wie: „Die bayerischen Bauern sind bekannt, daß sie ihren Mann und ihre Pflicht erfüllt haben.“

Doch die Abwesenheit von Franz-Josef Strauß hätte man noch verwinden können, wenn nicht ausgerechnet auch die Bayernpartei – Meisterin im krachledernen Fingerhakeln – diesmal einen Rückzieher gemacht hätte. Sie hielt sich mit der Ausrede heraus, keinen geeigneten Saal gefunden zu haben, um sich am politischen Aschermittwoch beteiligen zu können. Der Kenner bayerischer Innenpolitik weiß freilich einen anderen Grund: Nach langen Jahren aufgezwungener Abstinenz darf sie gegenwärtig wieder in einer Koalition mit der CSU an der Regierungskrippe stehen, wenn auch nur mit einem Staatssekretär. Und wer will es ihr da verdenken, wenn sie es jetzt andern überläßt, den Pfeffer auszustreuen?

In Vilshofen begann ihre große Zeit. Hier verkündete 1948 Josef Baumgartner seinen Austritt aus der CSU und den Übertritt zur Bayernpartei. Seine Reden waren erfüllt von dem Traditionsbewußtsein, das dem Marktflecken schon seit 1869 anhaftet, da Edmund Jörg hier die „Bayerische Patriotenpartei“ gründete. Zu Aschermittwoch 1893 hob man in Vilshofen auch den „Bayerischen Bauernbund“ aus der Taufe, und 1919 konstituierte sich hier die „Bayerische Volkspartei“, die Nachfolgerin der „Patriotenpartei“, die sich inzwischen mit dem Zentrum vereinigt hatte. Was wunder also, daß ihre Tradition sowohl von Männern der CSU – vereint am rechten Flügel –, als auch von Politikern der Bayernpartei fortgeführt wurde. Und was wunder, daß man als Ort ideologischer Auseinandersetzungen dieses Vilshofen wählte.