Washington, im Februar

Kuba ist nur die Spitze des Eisberges. Darunter hat sich in Jahrhunderten ein unübersichtliches und unberechenbares Massiv lateinamerikanischer Probleme gebildet. Der Besuch des venezolanischen Präsidenten Romulo Betancourt in Washington lenkte die Aufmerksamkeit wieder einmal auf diese Tatsache.

Zuvor hatte der Piratenstreich gegen den venezolanischen Frachter „Azoategui“ Schlagzeilen gemacht. Die Piraten, Anhänger Castros, entkamen nach Brasilien, und zwischen Venezuela und Brasilien wird über ihre Auslieferung verhandelt. Betancourt hatte also aktuellen Anlaß, in den Vereinigten Staaten eine schärfere Politik gegen Castro zu empfehlen. Hierin befand er sich in Übereinstimmung mit einigen republikanischen Senatoren, die hartnäckig die Kennedy-Regierung wegen zu großer Nachgiebigkeit gegenüber Kuba attackieren. Keating und Goldwater zum Beispiel ließen sich weder durch die zweistündige Fernseh-Demonstration des Pentagon überzeugen, daß die derzeitigen sowjetischen Waffen auf der karibischen Insel keine Bedrohung mehr darstellen, noch trauen sie Chruschtschows Ankündigung, er werde einige Tausend Mann technischen und militärischen Personals zurückziehen.

Regierungskreise in Washington glauben, daß Moskau dieses Versprechen ebenso einlösen wird, wie es tatsächlich die Mittelstreckenraketen und Düsenflugzeuge fristgerecht abtransportiert hat. Es heißt hier, daß der geheime Briefwechsel zwischen Kennedy und Chruschtschow fortgeführt werde und daß der sowjetische Truppenabzug aus Kuba im Zusammenhang stehe mit dem Rückzug der veralteten amerikanischen Jupiter- und Thor-Raketen aus den NATO-Ländern Türkei und Italien. Die Verminderung der amerikanischen Truppen in Deutschland um rund 40 000 Mann und die strikte Begrenzung des Arsenals taktischer Atomwaffen in Mitteleuropa sei jedoch nicht als Entspannungsgeste gegenüber Chruschtschow oder als Warnung gegenüber de Gaulle und Adenauer gedacht; dabei handele es sich nur darum, den normalen Zustand vor der letzten Berlin-Krise wieder herzustellen. Richtig ist sicherlich, daß die beiden Großmächte einander nur insoweit Gefälligkeiten erweisen, als damit nicht ihre eigene Sicherheit beeinträchtigt wird. Hinsichtlich Kubas ist der Aufbau einer wirksamen Luftabwehr und Verteidigung gegen eine mögliche Invasion anscheinend so weit fortgeschritten, daß die Russen von ihren rund 17 000 Mann auf Kuba ein paar Tausend abziehen können.

Kuba erweist sich immer mehr als das Kreuz des amerikanischen Präsidenten. Seine größte Niederlage und sein größter Sieg hießen Kuba, und solange Castro in Havanna regiert, bleibt Kuba eins der schwierigsten Probleme, denen Kennedy sich gegenübersieht. Havanna ist für Washington der Schnittpunkt vieler Aspekte des Ost-West-Konflikts geworden, und zugleich haben sich hier die lateinamerikanischen Schwierigkeiten der Vereinigten Staaten explosiv verdichtet.

Die erste direkte Konfrontation der beiden Atommächte wurde durch die Kuba-Krise bewirkt. Aber auch das Spiel Pekings greift nach Kuba, und Mao Tse-tung gewinnt durch den „Fidelismo“ in ganz Lateinamerika immer mehr Einfluß. Ob es eine chinesische Flugabwehrrakete war, die den U-2-Aufklärer über Kuba abschoß, wissen wir nicht genau. Mit Sicherheit jedoch kann gesagt werden, daß sich innerhalb der kommunistischen Parteien der lateinamerikanischen Länder chinesische Fraktionen bilden, die zum Teil schon den Ton angeben. In einem sozialen Krisengebiet erster Ordnung, in Nordost-Brasilien, soll es sogar heftige partei-interne Kämpfe zwischen Chruschtschowisten und Maoisten geben, wobei die Maoisten als Fidelisten auftreten.

„Fidelismo“ ist in weiten Gebieten Mittel- und Südamerikas eine ehrenhafte Sache auch für solche Leute, die vom Kommunismus nichts wissen wollen. Hier kommt ein lateinamerikanischer Nationalismus zum Ausdruck, der in einem revolutionären Sozialismus die einzige Hoffnung für die südliche Hemisphäre des amerikanischen Kontinents sieht. Viele Universitäten in Mittel- und Südamerika sind die Zentren dieses Fidelismus.