REUTLINGEN (Spendhaus):

„Rouault – Miserere“

An dem großen graphischen Zyklus Miserere hat Georges Rouault von 1918 bis 1928 gearbeitet, die Blätter sind erst 1948 erschienen. Sie waren auch in Deutschland ausgestellt – viel zu selten. Der ganze graphische Aufwand einer Epoche, das leidenschaftliche Experimentieren, die Perfektionierung der Druckverfahren, wurde dadurch gerechtfertigt, daß zwei oder drei Meisterwerke entstanden, die Bibel von Chagall und Rouaults Miserere. Das technische Verfahren ist äußerst kompliziert. Nach den Tuschzeichnungen werden Heliogravüren hergestellt, die Platten werden mit dem Schaber, der Feile, mit Glaspapier und Säure überarbeitet, stegartige Linien werden in das Metall eingefügt, die berühmten dunklen Konturen Rouaults, die an Bleiverglasungen mittelalterlicher Kirchenfenster erinnern. Die fertigen Drucke lassen von dem unendlich mühsamen Herstellungsverfahren nichts erkennen. „Ohne Ungeduld zeitlebens die uns angemessenen Ausdrucksmittel suchen“, sagt Rouault. Die Themen: Nächtliche Landschaften, Figurengruppen, einzelne Gesichter, Könige, Richter, Bettler, Clowns, Straßenmädchen, der Schmerzensmann, verwüstete Städte, leere Straßen. „Miserere“ ist die Zusammenfassung von zwei ursprünglich getrennten Zyklen, „La Misere“ und „La Guerre“. Das Elend und der Krieg werden in düsterer Dramatik von Schwarz und Weiß dargestellt. Das „Erbarme dich“ bleibt unausgesprochen. – Die Blätter stammen aus dem Besitz der Stuttgarter Staatsgalerie. Die Ausstellung dauert bis zum 10. März.

HAMBURG (Kunstverein):

„Englische Gouachen“

Das britische Council hat die Bilder ausgewählt, die bis zum 17. März in Hamburg bleiben und dann als Wanderausstellung weitergehen. Der englische Künstler sei ein guter Europäer, hieß es bei der Eröffnung, die Europäische Kunstgemeinschaft – mit Einschluß Englands – sei leichter zu realisieren als die EWG. In der Tat, die Bilder unterscheiden sich kaum von der kontinentalen Kunstproduktion, weder im Niveau noch in der stilistischen Note. „Gouache“ erscheint hier als Sammelbegriff für Kleines Format, Skizze, Studie, mehr improvisatorische als repräsentativ gemeinte Malerei. Man sieht neben den eigentlichen Gouachen auch Aquarelle, Feder- und Tuschzeichnungen, Collagen, Ölstudien auf Papier. 15 Künstler sind beteiligt, mit 42 Bildern. Die wenigsten kennt man bei uns, nur Sutherland mit seinen markanten „Wurzelformen“, grotesk, aufs Dornig-Splittringe übersteigerte Natur, und die „Stilleben“ von William Scott, wo die Dinge schemenhaft, ungreifbar, unbestimmt aus dem farbigen Grund auftauchen. Die anderen (bei uns unbekannten) Künstler sind in dieser Auswahl mindestens so gut und noch interessanter. Abstrakte Landschaften von Peter Lanyon oder Alan Davis, der die kräftigsten Farbakzente hineinbringt, oder die farbigen Zeichnungen von Roger Hilton, die lavierten Collagen von Cerri Richards. Die Engländer scheinen sich vorwiegend für das weite Feld zwischen den extremen Positionen zu interessieren. Sie abstrahieren, ohne die Realität ganz aufzugeben, und sie malen landschaftliche, figürliche, gegenständliche Motive, nicht ohne zu abstrahieren.

BERLIN (Galerie Gerda Bassenge):