In der vergangenen Woche ist in der Bundesrepublik ein lohnpolitischer Markstein gesetzt worden. Zum ersten Male wurden in einem Wirtschaftszweig Lohnerhöhungen vereinbart, die sich, nachrechenbar auf der Grundlage amtlichen statistischen Materials bis auf die Stellen hinter dem Komma, an gesamtwirtschaftlichen Daten orientieren.

Die Bauarbeiterlöhne werden mit Wirkung vom 1. Mai 1963 um 4,9 % und ab 1. April 1964 um weitere 4,8 % erhöht werden. Die Abmachungen basieren auf einem realen Zuwachs des Sozialprodukts von 4,1 % im vergangenen und einem (erwarteten) Zuwachs von 4 % in diesem Jahr. Der Zuschlag von 0,8 % (4,1 % + 0,8 % = 4,9 %; 4 % + 0,8 % = 4,8 %) erklärt sich aus Preissteigerungen, die seit dem letzten Lohnabkommen in der Bauwirtschaft (Mai 1962) eingetreten sind. Auch gegen künftige Preissteigerungen ist in den Vertrag eine Index-Klausel eingebaut worden. Im Falle einer Verteuerung der Lebenshaltungskosten von mehr als 1,5 % bis Ende dieses Jahres wird der darüber hinausgehende Prozentsatz der für das nächste Jahr vereinbarten Lohnerhöhung von 4,8 % zugeschlagen.

Diese Indexklausel hat hier und da Verdruß erregt. In der Tat ist sie mehr als nur ein Schönheitsfehler in dem sonst solide fundierten Vertragswert Aber man kann – in einer Welt, in der alles in Bewegung ist und eben auch die Preise – von einer einzelnen Gewerkschaft nun wohl nicht verlangen, im Alleingang den volkswirtschaftlichen Musterknaben zu zelebrieren.

Der Vertrag ist frühestens zum 31. März 1965 kündbar. Für die Unternehmer bedeutet dies das Geschenk einer klaren Kalkulationsgrundlage für zwei Jahre – was die Lohnkosten angeht. (Auch das ist ein Novum in der Tarifgeschichte der Bundesrepublik.) Für die Arbeitnehmer beinhaltet die lange Laufdauer des Abkommens ein nicht übersehbares Risiko – was die Preisentwicklung betrifft. Es ist verständlich, daß sich die Bauarbeitergewerkschaft wenigstens gegen allzu große Überraschungen auf diesem Gebiet abgesichert sehen will.

Im Augenblick spricht leider vieles dafür, daß die in der Bauwirtschaft vereinbarte Indexklausel zum Zuge kommen wird. Dafür wäre dann aber nicht die IG Bau verantwortlich zu machen, deren Lohnpolitik sich ja nun, menschlichem Ermessen nach, in einigermaßen preisneutralen Bahnen bewegt. Den diesjährigen 4,9 % in der Bauwirtschaft stehen Lohnerhöhungen von 8 bis 8,5 % in der chemischen Industrie, von 6 % in der Textilindustrie und von 4,8 % + 3 Urlaubstage = 6 % in der Bekleidungsindustrie gegenüber. Im privaten Bankgewerbe streitet man sich nun schon seit Wochen um 7 %; die IG Metall hat wissen lassen, daß sie über kurz oder lang mit 8 % kommen wird, und seit Ende vergangener Woche liegen nun auch die Lohnforderungen des gesamten öffentlichen Dienstes, einschließlich Bahn und Post, auf dem Tisch: im Schnitt und summa summarum 6–8 %.

Das ist, mit Sicherheit, nicht in den Töpfen enthalten, die in der volkswirtschaftlichen Garküche zur Zeit unter Feuer gehalten werden. Alle für die Lohnpolitik relevanten Daten (DIE ZEIT v. 15. Febr., „Im Kampf um die Prozente“) lassen das Hinaustreiben der Löhne über die reale Zuwachsrate des Sozialprodukts – und die gibt, selbst bei optimistischer Betrachtung, eben nicht viel mehr als 4 % her – im Augenblick zu einem riskanten Abenteuer werden, auch für die Arbeitnehmer. Zumindesten von den Gewerkschaften, die im nicht-privatwirtschaftlichen Bereich operieren, hätte man erwarten sollen, daß sie bei Begründung ihrer Forderung wenigstens den Versuch einer Auseinandersetzung mit den wirtschaftlichen Tatbeständen machen würden.

Adolf Kummernuß, der Erste Vorsitzende der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), sagte auf einer Pressekonferenz in Stuttgart, auf der die Kündigung der Tarife bekanntgegeben wurde, daß ihm die Lohnpolitik seines Kollegen Leber von der IG Bau „nicht gefällt“. Die Forderungen der ÖTV seien im übrigen in Ordnung; denn sie hielten sich im Rahmen der Abschlüsse, die in der Wirtschaft bereits erreicht worden seien.