Besuche finnischer Politiker in Moskau werden selbst in Skandinavien nur noch am Rande registriert. Der Grund liegt auf der Hand: Im Norden weiß man nur zu gut, wie sehr Finnland auf das Wohlwollen des mächtigen östlichen Nachbarn angewiesen ist, will es seine einmal erkämpfte Neutralität auch weiterhin behaupten.

So ist es denn auch nicht verwunderlich, daß die Reise des finnischen Ministerpräsidenten Karjalainen in die Sowjetunion bisher ohne ein Echo geblieben ist. Auch gab es vorläufig niemanden, der die Regierung in Helsinki etwa vor der Annahme des neuen Vorschlags Chruschtschows warnte, eine Pipeline von der Sowjetunion nach Finnland zu bauen. Dabei bedeutete dieser Plan, sollte er verwirklicht werden, einen Einbruch der Sowjets in den westeuropäischen Wirtschaftsraum. Zum erstenmal würden die Russen, die in Sibirien und im Ural über reiche Ölvorkommen verfügen, in einem Land außerhalb des Ostblocks festen Fuß fassen. Moskau setzt alles daran, ein Ölleitungssystem bis an die Ostsee heranzuführen, um so nach und nach weitere westliche Staaten hinter dem Eisernen Vorhang als Abnehmer zu gewinnen.

Freilich mag es sein, daß es in diesem Fall nicht so sehr um einen politischen Schachzug des Kremls geht, als vielmehr um die Absicht, auf diese Weise das russische Defizit im Handel mit Finnland abzubauen, das inzwischen von 9,2 auf 15,2 Milliarden Finnmark angestiegen ist. Das wäre zumindest ein einleuchtendes Argument, das Präsident Kekkonen ins Feld führen könnte, sollte ihm seine Zustimmung zu dem Pipeline-Projekt Chruschtschows eines Tages zum Vorwurf gemacht werden. Er könnte seine Kritiker übrigens auch daran erinnern, daß die westlichen Garantiemächte der finnischen Neutralität zu Beginn dieses Jahres sogar den Ankauf russischer Raketen und Düsenjäger vorbehaltlos hingenommen hatten, obwohl eine Klausel des finnischen Friedensvertrages von 1947 solche Waffenkäufe ausdrücklich untersagt.

Für die westeuropäischen Staaten mag es aber noch einen anderen Anlaß geben, dem Bau einer sowjetisch-finnischen Ölleitung nichts in den Weg zu legen. Helsinki könnte sich dafür das Jawort des Kreml zu einer Assoziierung Finnlands an die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft „einhandeln“. Damit wäre, käme es zu einem Abkommen zwischen EFTA und EWG, auch das „nordische Gleichgewicht“ und der Neutralitäts-Status des kleinen Landes vor Moskaus Tür wiederhergestellt. D. St.