AIs Stalin starb, hat Nikolai Iwanowitsch Popow weder geweint, noch hat er sich gefreut. Wie die meisten seiner Mitbürger war er zunächst einmal bestürzt. Fünfundzwanzig Jahre lang war Stalin als „Genius Menschheit“, als „Klassiker des Marxismus-Leninismus“ und „Führer der fortschrittlichen Menschheit“ verherrlicht worden. Jetzt lag er plötzlich einbalsamiert im Mausoleum am Roten Platz. Nikolai Iwanowitsch war wie betäubt; es fiel ihm schwer, sich die Sowjetunion ohne Stalin vorzustellen. Aber das Leben ging weiter, es wurde sogar leichter. Vieles wandelte sich in dem Jahrzehnt, das seit Stalins Tod vergangen ist.

Vieles freilich hat sich für Nikolai Iwanowitsch auch nicht verändert. Noch heute ist es ihm verwehrt, alles zu lesen, zu sehen und zu hören, was er möchte; weiterhin muß er sich im Rundfunk, Fernsehen und Presse mit dem begnügen, was die Agit-Prop-Abteilung des Zentralkomitees ihm mitzuteilen für richtig befindet. Und auch Nikolais Möglichkeiten, die politischen Geschicke seines Landes zu beeinflussen, sind noch immer denkbar gering.

Gewiß, alle vier Jahre – jeweils am zweiten oder dritten Sonntag im März – wird Nikolai Iwanowitsch aufgerufen, für den „Volksblock der Kommunisten und Parteilosen“ zu stimmen. Aber in seinem Wahlkreis gibt es einen einzigen Kandidaten. Wie 99,6 Prozent seiner Mitbürger geht er denn heute wie unter Stalin an die Wahlurnen, um diesen einzigen, vorgeschriebenen Kandidaten zu „wählen“. Er macht sich freilich um so weniger etwas daraus, als er ja weiß, daß der Oberste Sowjet der UdSSR, der auf diese Weise „gewählt“ wird, sowieso nur eine recht geringe Bedeutung hat: Die wirkliche Macht des Landes liegt in den Händen des Parteipräsidiums und des ZK-Sekretariats; allenfalls spielt noch das alle vier bis sechs Monate tagende Zentralkomitee eine Rolle.

Noch immer wird Nikolai Iwanowitsch auch ununterbrochen zur Teilnahme an allerlei „Kampagnen“ aufgerufen, muß er Versammlungen, Konferenzen und Schulungskurse besuchen. Er tut es – teils aus Interesse, teils weil er weiß, daß es nicht ratsam ist, allzu oft bei solchen Veranstaltungen zu fehlen. Den von oben verkündeten Resolutionen und Beschlüssen spendet er, wie alle anderen, schon fast automatisch Beifall. Manchmal meldet er sich auch zur „Diskussion“ – natürlich nur, um ein paar Detailfragen aufzuwerfen, niemals aber, um etwa, die „Linie“ zu kritisieren. Mit der Außenwelt hat er auch heute noch kaum Kontakt. Seine Chancen, einmal ins Ausland zu reisen, waren unter Stalin gleich Null und sind jetzt etwa 0,01 Prozent. Und wie früher, hat Nikolai Iwanowitsch auch heute keine Möglichkeit, ausländische Zeitungen zu lesen. Er bekommt ein völlig einseitiges Bild vorgesetzt – sowohl von seinem eigenen Land als auch von der übrigen Welt.

All dies hat sich für Nikolai Iwanowitsch also nicht verändert Trotzdem würde er den Gedanken weit von sich weisen, daß er heute noch genauso lebe wie in der Stalin-Ära.

Leben ohne Furcht

Die wichtigste Veränderung liegt für ihn darin, daß es seit Stalins Tod keine Massenverhaftungen mehr gegeben hat. Solange Stalin lebte, hat er in ständiger Furcht und Angst gelebt. Er wußte nicht nur, daß er fast automatisch verhaftet würde, wenn ihm einmal ein Fehler in seiner Arbeit oder ein falscher Zungenschlag unterlaufen sollte. Noch schlimmer: Er wußte, daß er auch dann verhaftet werden konnte, wenn er bloß treu und brav wiederholte, was in der Prawda stand, und wenn er in seiner Arbeit pflichtbewußt alles tat, was man von ihm verlangte. Selbst wenn er in Wort und Tat als mustergültiger Sowjetbürger auftrat (ja sogar dann, wenn er es wirklich war!), hatte er nicht die geringste Gewähr dafür, daß er nicht eines Morgens verhaftet und ohne Federlesens zu zehn, fünfzehn, zwanzig, ja zu fünfundzwanzig Jahren verurteilt würde.